Die Vier

Valeno bemerkte bald, dass das Gewicht der Hallen schwer auf seinen Kindern und deren Säulen lastete. Zu dritt mussten sie die Gesamtheit der Schöpfung tragen und wenngleich sie sich nicht beschwerten, war ihnen doch anzusehen, dass sie dieser Verantwortung nicht für alle Zeiten gewachsen sein würden. So nutzte der Schöpfer die neue Eintracht zwischen Licht und Finsternis, um sein Haus zu verlassen und sich auf die Suche nach weiteren Splittern der Zweiten Schöpfung zu machen. Ein kühnes Vorhaben hatte in seinen Gedanken Gestalt angenommen und er war nun bereit dafür, es in die Tat umzusetzen.
Voréos begleitete den Schöpfer bisweilen auf seinen Streifzügen durch das Nichts, während Enéra Selóar und das Haus hütete und mit ihrem Licht dafür sorgte, dass ihr Schöpfer und ihr Bruder stets den Weg zurück fanden. Auf ihrer Suche wurden Valeno und Voréos schließlich fündig. Es waren Voréos‘ überaus scharfe Augen, die zwei große Splitter der Zweiten Schöpfung fanden, die anderen beiden fand Valeno selbst. Gemeinsam kehrten sie in die Ewigen Hallen zurück, wo sich der Schöpfer sogleich daran machte, vier weiteren Ranvári Gestalt zu geben – jenen Wesen, die später als die obersten Gottheiten der vier Naturgewalten verehrt werden sollten.
Als erste erblickte Atia das Licht der Welt, die Fließende, die Quelle allen Wassers und Bewahrerin allen Lebens. Schön war sie, so schön, dass sie sich beinahe mit Enéra hätte messen können. Und doch war ihre Schönheit von einer anderen Art, nämlich von der ruhigen, beständigen Art Voréos‘, dem sie im Geiste sehr nahe stand. Denn er war es auch gewesen, der ihren Splitter den Klauen Kunus entrissen hatte. Atia wurde von allen Ranvári mit den tiefsten Gefühlen ausgestattet. Verzweifelte Trauer war ihr ebenso wenig fremd wie jubelnde Freude, wie niemand sonst kannte sie sehnsüchtige Liebe und alles verschlingenden Hass.
Zugleich mit Atia trat Nelaro ins Sein, der ewige Jüngling der Stürme, der über alle Lüfte gebot. Auch Nelaros Gefühle waren stark, doch war er – Enéras einstigem Wesen ähnlich – wankelmütig und unberechenbar. Ernst und Besonnenheit waren ihm fremd, doch war er ebenso überschwänglich in der Freude, wie furchtbar im Zorn. In ihm allein blieb das Kindliche erhalten, das die anderen Ranvári allzu bald verlieren sollten. Er war stets der erste, der einen Wettstreit begann, doch ebenso der erste, der aufgab, wann immer er sah, dass er keinen schnellen Sieg erringen würde können. Von Anfang an war Nelaro Enéra zugetan, die die einzige war, deren Urteil er sich beugte und von der er bisweilen Befehle entgegennahm – jedoch nur, wenn ihm danach war.
Nur um weniges jünger als Atia und Nelaro waren Lauréa und ihr Bruder Olion. Lauréa war die sanfteste der Ranvári und diejenige, die die größte Freude am Sein und der Gesellschaft anderer hatte. Mit der Erde war sie verbunden und mit allem, was daraus geboren werden würde. »Mutter des Lebens« wurde sie später von den Kindern der Schöpfung geheißen, denn sie alle waren aus ihrem Schoß entsprungen. Ihr Einfallsreichtum und Vorstellungsvermögen kannten keine Grenzen. Sie stand Voréos sehr nahe, denn unter seinem Mantel der Finsternis vollbrachte sie vielerlei Wunderwerk, das umso prächtiger erschien, wenn es hiernach das Licht der Welt erblickte.
Olion dagegen war ein eher verschwiegenes Wesen, das gerne für sich blieb. Stur und eigensinnig war er, aber auch sehr beharrlich, wenn es darum ging, eine Arbeit zu Ende zu bringen. Er war ein Künstler in demselben Maß, wie seine Schwester Lauréa es war. Doch während deren Schöpfungen vor Leben nur so sprühten, waren die seinen meist starr und reglos, erschaffen durch das Feuer, das Olions mächtigstes Werkzeug war. Aller Vernichtung trotzten sie mit derselben Unverwüstlichkeit, die auch ihrem Meister innewohnte. Olion war stets ein Unterstützer Enéras und das Feuer, über das er gebot, war bald untrennbar mit dem Licht verbunden.
Auch für diese vier Wesen errichtete Valeno Säulen, auf dass sie ebenso sehr für den Bestand der Ewigen Hallen verantwortlich seien, wie ihre älteren Geschwister. Von einem tiefen Blau war die Säule Atias. Flüssig schien sie zu sein, in ständiger Bewegung und dennoch stark genug, um das gewaltige Gewölbe der Hallen zu tragen. Nelaros Säule war gelbrot und von Stürmen umtost. Mächtige Blitze aus ihrem Inneren tauchten sie wieder und wieder in ein goldenes Licht. Die Winde waren mitunter so stark, dass man sich ihr nur unter großer Anstrengung nähern konnte. Die Säule Lauréas war grün und wurde von wundersamen Gebilden umrankt, deren Vielfalt und Pracht ohnegleichen war. Beinahe lebendig wirkte sie. Wer auch immer seine Hand auf ihre bald weiche, bald raue Oberfläche legte, glaubte das Schlagen eines Herzens zu spüren. Olions Säule aber war von rotem Feuer, das beständig Wärme und Licht ausstrahlte. Lodernde Zungen lösten sich bisweilen von ihr und vergingen wie Sternschnuppen in den Weiten der Ewigen Hallen.
Nahe bei den Säulen schenkte er Schöpfer seinen vier neugeborenen Kindern große Gemächer, die ihren Wünschen und Vorstellungen entsprachen.
Wasser in all seinen mannigfaltigen Gestalten erfüllte die Räume Atias. Berge aus klarem Eis ragten empor, umgeben von ruhigen Meeren, gekrönt von Schleiern aus Dunst. Dort zog Atia ihre Bahnen und ließ immer neue Strömungen und Wirbel entstehen oder vergehen.
Nelaro hieß währenddessen Stürme durch seine Flure zu tosen und tanzte inmitten von grellen Lichtblitzen. Er ließ sich von Böen tragen und ruhte niemals, während er lachend vom einen Ende des Raumes zum anderen eilte. Nichts blieb an diesem Ort je wie es war, denn der Ranvar änderte seine Umgebung nach seiner Stimmung.
Lauréa schuf Gestalten ohne Zahl aus eben der Erde, die ihre Urkraft war. Hohe Berge, tiefe Täler und weite Ebenen nahmen ihr Gemach ein. Und es war an eben diesem Ort, da sie das erste Mal an das noch ungeborene Leben dachte und eine schattenhafte Vorstellung von dessen dereinstiger Pracht sie erschaudern ließ. Doch so sehr sich die Gefilde auch liebte, die sie sich geschaffen hatte, schienen sie ihr doch leer und ein Gefühl der Einsamkeit überkam sie, das durch nichts zu lindern war.
Im Gemach Olions herrschte stets eine brütende Hitze, die selbst den anderen Ranvári – mit Ausnahme von Enéra – unangenehm erschien. Dort fertigte der Herr des Feuers viele Entwürfe für das an, was später in seinen zahlreichen Werken Gestalt annehmen würde. Selbst die Verhasstesten von diesen – die Waffen – wurden dort ersonnen, wenngleich Olion noch nicht einmal erahnen konnte, welch Übel sie über die noch ungeborene Schöpfung bringen würden.

Die Säulen der Schöpfung

Da nun der Streit seiner Kinder beigelegt war, errichtete Valeno für jedes von ihnen eine gewaltige Säule an einem besonderen Ort am Rand der Ewigen Hallen. Diese Säulen verband er als Eckpfeiler der Hallen mit dem Schicksal seiner Kinder, auf dass sie fortan für das Bestehen des Hauses und somit der gesamten Schöpfung verantwortlich seien. So wurde mit Ausnahme des Schöpfers selbst alles, was geschaffen wurde, durch die unsichtbaren Fäden der Heiligen Kräfte an diese Säulen gebunden. Die Säulen der Schöpfung weiterlesen