Auf der anderen Seite des Schreibtisches: Episode II

Auf der anderen Seite des Schreibtisches öffnete sich ein Tor in eine andere Welt. Ich stieg hindurch und hier bin ich nun – gefangen in einer Stadt, in der der Irrsinn herrscht.

Erschöpft ließ ich mich gegen die Wand einer vor Müll nur so überquellenden Hintergasse sinken. Der Deal im Lagerhaus war nicht so gelaufen, wie es hätte sein sollen. Ich hatte nicht nur kein Geld bekommen, sondern auch die Ware verloren. Da die Duliöhsüchtigen herausgefunden hatten, dass die Karten falsch waren, würden sie mich nun vielleicht sogar verfolgen, um Rache an mir zu nehmen. Diesen Junkies war alles zuzutrauen. Zum Glück stand die Sonne hoch am klaren Himmel und diese Kerle mochten – wie ich wusste – kein Sonnenlicht. Trotzdem hatte ich – nur zur Sicherheit – zwei Häuserblocks zwischen mich und das Lagerhaus gebracht.
Ich nahm meine Sonnenbrille ab, um mir den Schweiß aus dem Gesicht zu wischen. Ich bemerkte, dass das rechte Glas der Brille einen tiefen Riss hatte war. Heute war wirklich nicht mein Tag. Ganz in der Nähe stand eine große, graue Mülltonne. Obwohl das Angesichts des Abfalles der achtlos auf dem Boden der Gasse herumlag, ziemlich sinnlos war, ging ich doch hinüber und warf die kaputte Sonnenbrille hinein.
Mit einem lauten Husten spuckte mir die Mülltonne die kaputte Brille zurück ins Gesicht.
»Hey, Alter, was geht mit dir?«, sagte eine rauchige Stimme. »Bist du komplett bescheuert, oder was? Man wirft doch nicht einfach fremden Leuten Müll in den Mund!«
Verwirrt sah ich auf die Mülltonne hinab und sie sah mit geröteten Augen zu mir hinauf.
»Ich bitte vielmals um Verzeihung«, sagte ich, wobei ich mir ein wenig dämlich vorkam. So etwas geschah mir in dieser Welt alle paar Tage. »Ich habe Sie wohl mit jemandem verwechselt…«
»Verwechselt? Mich, einen Star DJ, der in den größten Clubs der Welt spielt?« Plötzlich brach die Mülltonne in Tränen aus. »In meiner Zeit bei Sprayer wäre das nie passiert…«
Sie wankte auf mich zu und fiel mir beinahe in die Arme. Ich musste mich zusammenreißen, um nicht zurückzuweichen. Die Mülltonne war augenscheinlich betrunken, denn sie stank nach billigem Alkohol.
»Sorry, Alter«, sagte sie, als sie sich wieder einigermaßen gefangen hatte. Im einen Henkel lag eine halbleere Flasche, mit dem anderen hielt sie sich an meiner Schulter fest, um nicht zu stürzen. »Ich bin echt am Ende«, schniefte sie. »Das musst du dir vorstellen: Einst Mitglied der besten Trash-Metal-Band der Welt, jetzt lungere ich in finsteren Gassen herum, um mich vom Restalkohol irgendwelcher Penner zu betrinken.«
Ich hatte keine Ahnung, wovon die Mülltonne sprach, aber ich hatte irgendwie ein schlechtes Gewissen. So wimmelte ich sie nicht ab und beschloss, mich ein wenig mit ihr zu unterhalten. »Sie sind also Musiker?«, fragte ich.
Die Mülltonne starrte mich mit verweinten Augen an. »Ich war Musiker… Jetzt bin ich nur noch DJ in irgendwelchen zwielichtigen Discos. Antonio Müllini ist mein Name. Ich war mal der Flötist von Sprayer. Vielleicht hast du ja schon von mir gehört.«
Ich schüttelte langsam den Kopf. Ich kannte seine Band nicht. Aber ich war ja auch noch nicht so lange in dieser Welt.
»Ach weißt du, Alter, das Musikbusiness ist hart, heutzutage«, sagte Müllini. »Gestern noch haben sie mich gefeiert, heute behandeln sie mich wie Dreck, weil meine Kunst angeblich Müll ist und nicht zu ihrem Stil passt…« Er trank seine Flasche aus und warf sie zwischen ein paar Müllsäcke. Dann veränderte sich sein Tonfall. »Denen werde ich’s zeigen! Undankbares Pack! Ich bin auch ohne sie jemand. Als Star-DJ werde ich richtig durchstarten! Trash Metal? Pah! Wer hört diesen Schrott eigentlich noch? Hörst du etwa Trash Metal?«
»Ah, nein«, sagte ich. »Ich habe ehrlich gesagt keine Ahnung von Musik. In der Grundschule hat man mir gesagt, ich wäre sogar für Triangel zu unbegabt…«
»Ach was, Alter, das machen wir schon«, erwiderte Müllini. Plötzlich wirkte er beinahe euphorisch. »Nur du und ich. Ein neues Projekt. Wir werden die Musikszene revolutionieren.«
»Ich glaube nicht, dass…«, sagte ich peinlich berührt. Da bemerkte ich einen Duliöhsüchtigen, der eine Straße weiter um die Ecke spähte. Er hielt sich im Schatten und trug eine türkisen Pullover mit großer Kapuze, um sich vor dem Licht der Sonne zu schützen.
»Ach, verdammt…«, murmelte ich. »Tut mir leid, Mister Müllini. Ich muss jetzt gehen.«
»Sei nicht so förmlich, Alter, nenn mich Mülltoni, wir sind doch Freunde«, erwiderte die Mülltonne.
Jetzt war ich also schon sein Freund? Das wurde ja immer besser. Duliöhsüchtige und eine betrunkene Mülltonne. Was mir zu meinem Glück noch fehlte, war ein Anruf von Horses, der mich für einen weiteren haarsträubenden Auftrag einspannen wollte.
In eben diesem Augenblick klingelte mein Handy. Schon bevor ich auf das Display schaute, wusste ich, dass dort Horses‘ Name stehen würde. Ich hatte jetzt andere Probleme. Der Duliöhsüchtige hatte mich bemerkt und fuchtelte wild mit seinen dürren Armen, um seine Freunde auf sich aufmerksam zu machen, die wohl weiter hinten in der Gasse lauerten.
»Ich muss jetzt wirklich gehen«, sagte ich zu Mülltoni.
Doch der ließ sich nicht abwimmeln. Sein Henkel lag immer noch auf meiner Schulter. »Du wirkt ein wenig nervös, Alter«, sagte er. »Was hast du auf dem Herzen? Mir kannst du es ja sagen, wir sind doch Freunde.«
»Och, nichts Besonderes, nur ein paar Duliöhsüchtige, die mich vermutlich umbringen wollen«, sagte ich leichthin. »Ich habe schon alle Karten an sie verloren, die ich dabeihatte. Ich habe nichts mehr, um sie zu besänftigen…«
»Ach, diese Spinner?«, sagte Mülltoni. »Null Problemo. Gemeinsam schaffen wir die!«
Schon hatten uns zwei Dutzend Jugendliche in türkisen Pullovern von allen Seiten umstellt. Es gab keinen Ausweg mehr. Erst da ließ Mülltoni mich los. Er ballte seine Henkel zu Fäusten – wie auch immer das möglich war. Ich hob die Plastikflasche, die mir schon zuvor gute Dienste als Waffe erwiesen hatte.

Kaum fünf Minuten später lagen zwei Dutzend ohnmächtige Duliöhsüchtige auf dem Boden der Gasse. Schwer atmend ließ ich mich gegen die Wand sinken. Meine Plastikflasche war verbogen und verbeult, doch ich hatte es gut überstanden. Ebenso Mülltoni, der keine Kratzer abbekommen hatte. Er setzte sich zu mir und gab mir zwei Duliöhkarten. Leichtleuchtender Lavendellandlachsluchslehrer und Grüngestreifter Grabgöttergiftgrottengnom. Sie schienen sogar echt zu sein.
»Die habe ich diesen Spinnern abgenommen«, erklärte Mülltoni. »Als Entschädigung. Die werden sie nicht mehr brauchen.«
Ich starrte ihn verdutzt an. »Danke für deine Hilfe, Mülltoni«, sagte ich. Nun waren wir wohl tatsächlich Freunde.

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