Auf der anderen Seite des Schreibtisches: Episode III

Auf der anderen Seite des Schreibtisches öffnete sich ein Tor in eine andere Welt. Ich stieg hindurch und hier bin ich nun – gefangen in einer Stadt, in der der Irrsinn herrscht.

Da saß ich nun – am Boden einer hässlichen Seitengasse, umgeben von Abfall und ohnmächtigen Duliöhsüchtigen. Bei mir war Antonio Müllini – Mülltoni, wie er sich selbst nannte – eine sprechende Mülltonne, die eine Karriere als DJ anstrebte und offensichtlich mein neuer bester Freund war. Ich war immer noch etwas außer Atem von dem Kampf, den wir hinter uns hatten. Mülltoni schien es gut zu gehen. Er wirkte nicht einmal mehr betrunken. Stattdessen blickte er mich nun erwartungsvoll an.
Einer der Duliöhsüchtigen stöhnte leise. Es war höchste Zeit für mich zu gehen. Gerade als ich aufstand, klingelte mein Handy – ein uraltes Modell mit ausziehbarer Antenne, das ich in einem verlassenen Atombunker in einem der Vororte gefunden hatte. Horses stand da blinkend auf dem Display. Mein Auftraggeber würde wohl keine Ruhe geben, bis ich abhob. Es war zwecklos, ihn zu ignorieren. Horses bekam immer, was er wollte.
»Was?«, schrie ich beinahe ins Telefon. »Dein Kunde wollte mich mit Fräßers bezahlen. Ich habe abgelehnt, er hat seine Freunde gerufen. Es gab eine Schlägerei. Ich kann von Glück sprechen, dass ich es lebend da rausgeschafft habe.«
»Randalf, Randalf, Randalf«, sagte Horses mit seiner tiefen Stimme, die so gar nicht zu seinem Äußeren passte. »Immer mit der Ruhe, mein Sohn. Solche Dinge passieren. Es war nicht deine Schuld.«
»Rufst du mich nur an, um mir das zu sagen?«, fragte ich wütend.
»Natürlich nicht«, erwiderte Horses ernst. »Hör zu: Einer meiner Söhne hat ein Problem.«
»Ich habe auch ein Problem«, sagte ich genervt. »Wir alle haben Probleme. Soll er sich doch selbst darum kümmern!«
»Beruhig dich, Randalf!«, sagte Horses. »Du bist mein bester Mann. Ich habe ihm deine Hilfe bereits zugesichert. Es ist ein einfacher Auftrag. Und mein Junge zahlt gut.«
»In Fräßers?« Schon wenn ich an das wertlose Kakerlakengeld dachte, wurde ich wütend.
»Nicht in Fräßers«, betonte Horses. »Das würde mein Junge nie tun. Er ist ein Ehrenmann.«
Irgendwie schwante mir jetzt schon Übles. Andererseits hatte ich wohl kaum eine andere Wahl. Ich brauchte das Geld. Nach dem fehlgeschlagenen Duliöhkartendeal umso mehr. Natürlich hätte ich mir auch von Horses welches leihen können. Ja, wahrscheinlich hätte er es mir sogar geschenkt. Er war manchmal wirklich übertrieben großzügig. Aber dann hätte ich noch tiefer in seiner Schuld gestanden, was ich um jeden Preis vermeiden wollte.
»Also gut…«, gab ich mich viel zu schnell geschlagen. »Welcher Sohn?« Ich wusste, dass Horses mehrere Dutzend Kinder hatte – obwohl ich die vage Vermutung hatte, dass es weniger Kinder im eigentlichen Sinn, sondern vielmehr Klone waren.
»Octavus Equus Lupus«, erwiderte Horses. »Er nennt sich Big W. Er betreibt einen Nachtclub in der Innenstadt. Schau so schnell wie möglich bei ihm vorbei vorbei. Ciao.« Und schon hatte er aufgelegt, bevor ich ihn nach weiteren Details hätte fragen können.
»Probleme?«, fragte Mülltoni.
»Arbeit«, erwiderte ich. »Verdammter Horses… Er hätte mir wenigstens sagen können, wie der Club seines Sohns heißt.«
»Du arbeitest für Big Horse?«, fragte Mülltoni verwundert. »Alter, ich hätte nicht gedacht, dass du eine so große Nummer bist!«
»Große Nummer…«, murmelte ich gereizt, während ich überlegte, wie es nun weitergehen sollte. Ich musste wohl oder übel einen von Horses‘ Handlangern anrufen. Ihn selbst zu erreichen war beinahe ein Ding der Unmöglichkeit.
»Wie der Zufall es so will, kann ich dir weiterhelfen, Alter«, ließ Mülltoni sich vernehmen. »Glaub ich zumindest. Ich kenne einen von Horses‘ Söhnen, der einen Club hat. Wenn man es so nennen will… Ich habe dort erst letzte Woche aufgelegt.«
Wie groß war wohl die Wahrscheinlichkeit, in einer Stadt mit etlichen Millionen Einwohnern zufällig auf eine wildfremde Person zu treffen, die genau das wusste, was man wissen wollte? Aber derartig unmögliche Zufälle standen in dieser Welt auf der Tagesordnung, daher hielt sich meine Verwunderung in Grenzen.

Da Mülltoni offensichtlich nichts Besseres zu tun hatte, bot er mir an, mich zum »Hasenstall« – wie der Club von Horses‘ Sohn hieß – zu bringen. Allerdings hatte keiner von uns genügend Geld für ein Taxi oder den Bus dabei. Daher gingen wir zu Fuß. Geschlagene zwei Stunden später waren wir dann am Ziel. Das Gebäude, das im Schatten einer großen Brücke lag, wirkte durchaus ansehnlich, doch schon das rote Licht, das in einem der Fenster brannte, machte mir klar, dass dies mehr als ein gewöhnlicher Nachtclub war.
Vor der Tür lungerten zwei finstere Gesellen herum, die wohl als Türsteher gedacht waren, zu dieser frühen Stunde aber noch nicht allzu viel zu tun hatten. Ihre schwarzen Tanktops hoben ihre beinahe schon übertrieben breiten Oberarme hervor, auf ihrer Brust prangte das Logo des Clubs – eine leichtbekleidete Frau mit Hasenohren. Einer der beiden war ein Saurier mit langer Schnauze, der andere ein Mensch mit ebenso langem Schnauzbart. Seltsamerweise fand ich den Bart des Menschen skurriler als den Saurier neben ihm. Ich hatte mich schon zu sehr an diese Welt gewöhnt.
Da sich die Türsteher weder um mich noch um Mülltoni kümmerten, traten wir ungehindert ein. Das Innere des Clubs sah sehr gepflegt aus. Es gab eine lange Bar, hinter der einige hundert Flaschen aufgereiht waren, eine große Tanzfläche mit einer glitzernden Discokugel und einige Dutzend Tische, umgeben von gemütlichen Polstermöbeln. Alles war in dunklem Violett gehalten, auf einem Fernseher an der Wand lief eine von Horses‘ preisgekrönten Terrorbotschaften.
Nichts außergewöhnliches, hätte die Tanzfläche nicht so ausgesehen, als hätte dort eine Bombe eingeschlagen. Zerbrochene Gläser und Teile von Tischen und Stühlen, hier und da auch eine zertrümmerte Deckenleuchte lagen dort herum, ohne dass es jemanden zu kümmern schien. In einer Ecke am hinteren Ende des Raumes saßen ein paar leicht bekleidete Frauen an einem Tisch. Der Besitzer des Etablissements war ebenfalls dort zu finden. Er saß auf dem Schoß eines besonders hübschen Mädchens.
Octavus Equus Lupus war seinem Vater wie aus dem Gesicht geschnitten. Auch er sah aus wie ein etwas in die Jahre gekommener grauer Stoffhase, nur dass er einen violetten Hut und eine Federboa trug – wohl um jedem unter die Nase zu reiben, dass er ein Zuhälter war. Er war gerade in eine Runde Duliöh mit einer seiner Angestellten vertieft, während er mit einem Mann in Polizeiuniform sprach.
»Wie gesagt«, betonte er. »Ich weiß nicht, wo mein Vater ist. Niemand hat ihn gesehen, seit er damals die Ansgar-Verleihung gecrasht hat. Wahrscheinlich lungert er wieder in irgendeiner Höhle in der Wüste herum und bereitet sich auf seine nächste Terrorbotschaft vor. Die wird zweifellos wieder ein Hit. Aber damit habe ich nichts zu tun. Mein Geschäft ist hundert Prozent legal.«
Ein Türsteher, der keine drei Meter weiter einen Sack aus dem Raum schleifte, der verdächtig nach einem menschlichen Körper aussah und auch derartige Geräusche von sich gab, strafte seine Worte Lügen, doch das schien der Polizist nicht zu bemerken.
»Irgendwann kriegen wir dich, Big W«, drohte er. »Dich und deinen missratenen Vater.«
»Ja, ja, ich freue mich schon darauf«, meinte Octavus. Mit einer wegwerfenden Handbewegung scheuchte er den Polizisten davon. »Verdammte Bullen… Die haben mir zu meinem Glück noch gefehlt.«
Dann wandte er seine ganze Aufmerksamkeit den Duliöhkarten vor sich zu. Er hatte gerade Supersauberer Schlangenschatzsonnenstachelsortierer gegen Rotriechender Radrattenrundrätselrächer ausgespielt – ein ziemlich schlechter Zug, wie ich erkannte. Seine Gegnerin gewann das Spiel im selben Zug. Dass das Spiel zu Ende war, schien ihn nicht wirklich zu kümmern, denn er spielte unverdrossen weiter.
Erst als sein Blick auf mich fiel, legte er die Karten weg. »Ah, Randalf der Raue. Ich habe dich schon erwartet«, sagte er. »Spät ist die Stunde, in der dieser Zauberkünstler auf den Plan tritt…« Etwas verwirrt rückte er seine Federboa zurecht. »Ich bin froh, dass du hier bist. Ich habe da ein ziemlich großes Problem und das hat zur Abwechslung nicht einmal mit den Bullen zu tun…«
Das klang ganz und gar nicht nach dem leichtverdienten Geld, das Horses mir versprochen hatte. Ich seufzte und fluchte innerlich. Mein Gefühl hatte mich wie üblich nicht getrogen.

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