Auf der anderen Seite des Schreibtisches: Episode IV

Auf der anderen Seite des Schreibtisches öffnete sich ein Tor in eine andere Welt. Ich stieg hindurch und hier bin ich nun – gefangen in einer Stadt, in der der Irrsinn herrscht.

So saß ich also mit Octavus Equus Lupus – einem Stoffhasen mit Zuhälterhut und Federboa – und Antonio Müllini – einer sprechenden Mülltonne, die als DJ arbeitete – an einem Tisch im Nachtclub »Hasenstall«. Big W, wie Octavus von allen genannt wurde, hatte eine seiner leicht bekleideten Angestellten losgeschickt, um Getränke für uns zu holen – irgendeinen überteuerten Alkohol in viel zu kleinen Flaschen, wie er für Etablissements wie dieses typisch war.
Er hatte uns auch Kokain angeboten, das wir jedoch abgelehnt hatten. Was ihn selbst nicht davon abhielt, eine Linie zu ziehen. »Kommen wir zum Geschäftlichen«, sagte er dann mit weißer Nase. »In letzter Zeit treibt ein Schurke sein Unwesen in den Clubs der Stadt. Niemand weiß, woher er gekommen ist. Aber er hat es geschafft, eine große Zahl von Anhängern um sich zu scharen. Sie nennen ihn den Discokaiser.«
Mülltoni erschauderte. »Alter, den kenne ich«, sagte er zu mir. »Ich habe in einem Club gespielt… Dann kam er angetanzt. Es war ein Gemetzel.«
»Diese Verwüstung hier ist sein Werk«, sagte Big W in Bezug auf die Unordnung, die auf der Tanzfläche herrschte. »Er war letzte Nacht mit seiner Crew hier. Hat gefeiert bis zum Morgengrauen…«
»Wenn er Sie stört, warum haben Sie ihn nicht rauswerfen lassen?«, fragte ich das Offensichtliche. »Diese beiden Muskelprotze vor der Tür werden doch sicher mit einem Tänzer fertig.«
»Eben nicht«, meinte Big W beschämt. »Meine Rauswerfer sind zwar gute Rauswerfer, aber wirklich schlechte Tänzer. Auch ein paar meiner Häschen haben sich an ihm versucht. Aber nicht einmal Candy, meine beste Stripperin, konnte etwas ausrichten…«
Ich schüttelte verständnislos den Kopf. Ich verstand nicht wirklich, was das eine mit dem anderen zu tun hatte. Aber ich ersparte mir jede Frage und ließ Big W weitersprechen.
»Das schlimme ist«, fuhr dieser fort. »Er hat angekündigt, heute Nacht wiederzukommen. Wenn ich an all die Schäden denke… Das zahlt meine Versicherung nicht! Ich bin ruiniert! Meine armen Häschen werden ihre Heimat verlieren.«
»Und wofür brauchen Sie mich?«, fragte ich dann doch. »Ein paar Türsteher sollten doch ausreichen um diesen Kaiser von Ihrem Club fernzuhalten…«
»Das würde nichts nützen«, sagte Big W. »Im Tanz geboren kann der Discokaiser nur im Tanz vernichtet werden. Nichts kann ihn aufhalten.« Er seufzte traurig. »Ich wusste nicht mehr weiter und habe meinen Vater angerufen. Er hat dich geschickt. Ich denke, er wird schon wissen warum.«
Nun war es an mir zu seufzen. Für Horses war ich eine Art Mädchen für alles, dem er nur die Angelegenheiten überließ, für die er keine besseren Leute hatte. Ich war immer sein letzter Ausweg, da er der Meinung war, dass ich die Sache schon irgendwie regeln würde. Natürlich sagte ich das nicht laut.
Ich hatte gute Lust, einfach heimzugehen und diesen ganzen Schwachsinn hinter mir zu lassen. Aber ich brauchte das Geld. Wenn es denn überhaupt eines zu holen gab.
»Ich werde dich natürlich fürstlich entlohnen, wenn du mein Etablissement rettest«, sagte Big W, als hätte er meine Gedanken gelesen.
»Ich kann nicht wirklich tanzen«, gab ich zu.
»Jeder kann tanzen«, mischte sich Mülltoni ein. »Man muss es nur wollen. Oder genug getrunken haben. Glaub mir, Alter. Als DJ weiß ich, wovon ich spreche.«
Ich blickte ihn zweifelnd an. Er nickte aufmunternd. »Also gut«, willigte ich ein.

Da der Discokaiser sich für gewöhnlich nicht vor Einbruch der Dunkelheit blicken ließ, blieb mir nichts anderes übrig als zu warten. Mülltoni blieb bei mir, denn er hatte sich dazu bereit erklärt, heute Nacht im »Hasenstall« aufzulegen. Wir vertrieben uns die Zeit mit Duliöh. Big W war zwar ein leidenschaftlicher Kartenspieler, aber er war unglaublich schlecht. Nur ein Anfänger spielte Kleinkomisches Krugkriecherkachelkängurukalb gegen Zähzeitiger Zangenzollzungenzahlenzeichner aus.
Big Ws Häschen – leicht bekleidete Frauen mit Hasenohren – versorgten uns derweil mit allerlei Snacks und Getränken. Vom Alkohol ließ ich jetzt die Finger, denn ich hatte das Gefühl, im Vollbesitz meiner geistigen Fähigkeiten bleiben zu müssen, wenn ich diese Nacht heil überstehen wollte. Auch die Kotzechips aus dem Hause Fliegosaurus, die Mülltoni richtig gehend verschlang, lehnte ich ab. Sonst ließ ich jedoch nichts liegen. Gratisessen musste man immer ausnutzen.
Der Abend kam und der Club füllte sich nach und nach mit Gästen. Big W ließ mich allein, um seinen Geschäften nachzugehen. Ich wurde das Gefühl nicht los, dass er seinen Club als Umschlagplatz für Drogen aller Art missbrauchte. Ich hielt mich gekonnt im Hintergrund, um nicht weiter aufzufallen. Vom Schatten aus beobachtete ich das Geschehen. Allerlei zwielichtige Gestalten trieben sich da herum, jedoch auch eine ganze Menge Jugendlicher, die in diesem Etablissement wohl das schwerverdiente Geld ihrer reichen Eltern verprassten. Niemand beachtete mich, denn die meisten hatten nur Augen für Big Ws halbnackte Häschen, die mit jeder Minute weniger Kleidung am Leib trugen.
Der Club wurde voll, sehr voll, viel zu voll für meinen Geschmack. Die Musik war laut und ich hatte das Gefühl, dass sie immer lauter wurde. Mülltoni gab am DJ-Pult sein Bestes. Er trug eine Kappe mit dem Logo des Clubs und eine Sonnenbrille, um möglichst cool zu wirken, was für eine Mülltonne seiner Statur beinahe ein Ding der Unmöglichkeit war. »Put your f*cking hands up!«, rief er immer wieder auf die Tanzfläche hinaus, auf der nur ein paar betrunkene Halbstarke herumwankten. Er nahm auch Musikwünsche entgegen, spielte aber kein einziges der gewünschten Lieder, sondern immer wieder dasselbe nervtötende Lallermann-Gedudel.
Ich blickte gelangweilt auf mein Handy. Es war beinahe Mitternacht.
Da schwang plötzlich die Tür auf. Einer der Türsteher taumelte mit zerrissenem Tanktop herein. »Flieht, ihr Narren!«, rief er, dann brach er neben der Bar zusammen.
Die Musik setzte aus. Alle Augen waren auf die gerichtet, die da eintraten. Es war eine wirklich lächerliche Truppe. Ein Riesenkakerlake mit viel zu weiter Hose, langen Haaren und Kopfhörern. Eine Frau, die beinahe genauso wenig anhatte wie Big Ws Bedienstete. Ein Saurier in einem neonpinken Anzug. Ein schlanker Mann in engen Jeans und einem bunten Blumenhemd, das fast bis zum Nabel aufgeknöpft war und seine beachtliche Brustbehaarung zur Schau stellte, die nur noch von dem gewaltigen Afro auf seinem Kopf übertroffen wurde. Er trug eine Sonnenbrille und eine Goldkette mit den Buchstaben »KAISER« um den Hals. Hinter diesen vier schrägen Gestalten standen fast zwei Dutzend Männer und Frauen, die allesamt dieselben Kapuzenpullover in verschiedenen Farben trugen.
Das war also der Discokaiser mit seiner Crew. Der Saurier im Anzug trat vor und verkündete lautstark: »Macht Platz für unseren Herrn, den erlauchten Discokaiser!«
Die Anwesenden wichen zurück. Manche verließen fluchtartig den Club, während die Anhänger des Discokaisers die Tanzfläche stürmten. Der Saurier stieg zum DJ-Pult hinauf und flüsterte Mülltoni etwas zu. Der Discokaiser bezog derweil in der Mitte der Tanzfläche Aufstellung. Big W winkte mich panisch zu sich, doch ich starrte wie gebannt auf das, was da geschah.
»Nun lasset uns tanzen, wie der Herr es uns gelehrt hat!«, verkündete der Saurier.
Mülltoni ließ irgendein uraltes Discolied erklingen und auf der Tanzfläche brach die Hölle los. Jeder tanzte irgendwie – ohne Muster oder Rhythmus. So schrecklich ich die Musik und das Herumgehampel auch fand, irgendetwas zog mich dorthin. Ich konnte meine Beine kaum zurückhalten.
Im nächsten Augenblick war Big W bei mir. »Tu etwas! Du allein kannst es beenden!«, brüllte er mir in die Ohren. Ich nickte ihm zu, ehe ich mir langsam einen Weg zur Tanzfläche bahnte. Dort stieg ich zu Mülltoni hinauf und riss ihm das Mikrofon aus der Hand.
»Discokaiser!«, rief ich. »Ich, Randalf der Raue, fordere dich heraus!«

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