Das goldene Korn

Im Norden des Fürstentums Ertanien lebte einst ein Bauer namens Juwin mit seiner Familie. Das Leben im Hochland am Rande der Bockhöhen war entbehrungsreich, denn der Boden war hart und nur schwer zu bestellen. Immer wieder machten Stürme aus den Höhen die Ernte zunichte. Doch waren die Bewohner jenes Landes zu stur und erdgebunden, um ihre Heimat zu verlassen und anderswo ein Auskommen zu suchen.
Nach einem besonders kalten Winter stieg Juwin eines Tages in die Höhen hinauf, um nach Wildziegen zu jagen, denn seine Speicher waren kaum noch gefüllt. Drei Tage verbrachte er zwischen den schroffen Gipfeln und zerklüfteten Tälern. Wohl fand er Spuren, zu Gesicht bekam er seine Beute jedoch nicht.
Schon wollte der Bauer kehrt machen, als er dann doch eine magere Ziege auf einem Hügelkamm erspähte. Er näherte sich ihr leise und vorsichtig, denn der Hang war steil und voller rutschiger Steine. Als er dann in Reichweite war und seinen Bogen spannte, verlor er den Halt und stürzte mit einem lauten Aufschrei in ein schmales Tal hinab.

Als Juwin wieder zu sich kam, tat ihm alles weh. Stöhnend setzte er sich auf und bemerkte, dass ein immergrüner Strauch seinen Sturz abgefangen hatte, sodass er sich außer ein paar Abschürfungen keine schlimmeren Verletzungen zugezogen hatte. Mühsam befreite er sich aus dem Gebüsch, dann blinzelte er überrascht.
Um ihn herum waren Dutzende kleiner Hamster, die ihn aus den Eingängen ihrer Erdlöcher heraus argwöhnisch beobachteten. Manche von ihnen trugen kleine Hütchen aus Blättern, Nadeln und Blüten, andere hielten winzige Werkzeuge in den Vorderpfoten. Als der Bauer sich ihnen näherte, wichen sie zwar zurück, Angst jedoch schienen sie nicht vor ihm zu haben. Aus der Nähe sah er, dass die meisten der Baue mehr waren als bloße Erdlöcher. Dort gab es winzige Türen und Fenster, umgeben von kleinen Gärten und Feldern.
Während Juwin sich noch wunderte, ob er sich beim Sturz nicht doch ein wenig zu hart den Kopf gestoßen hatte, trat ein Hamster, der eine Nussschale als Helm trug, auf ihn zu. »Die Königin wünscht dich zu sprechen, Mensch«, sagte er mit piepsiger Stimme.
Der Bauer wunderte sich nicht einmal mehr darüber, dachte er doch schon, er hätte den Verstand verloren. So folgte er dem Hamster durch das Tal, das eine ganze Stadt der kleinen Tiere beherbergte. Am oberen Rand des Tales hauste die Hamsterkönigin in einer Höhle, die groß genug war, dass auch ein Mensch sie betreten konnte. Unzählige prunkvoll eingerichtete Räume gab es dort, die manch einen Grafen oder Fürsten vor Neid erblassen hätten lassen. Kleine Standbilder aus Silber und Gold, mit allerlei Edelsteinen verziert, reihten sich auf den Gängen aneinander.
Die Königin selbst saß auf einem Thron, der mit frischem Gras ausgelegt war. Sie trug ein winziges Krönchen aus silbernen Blättern. Und sie sprach zu ihrem Gast nicht anders als es die Adeligen der Menschen taten. Sie gab ihm zu essen und ließ seine Wunden versorgen.
Alsbald sagte sie jedoch zu ihrem Gast: »Hier kannst du nicht bleiben. Denn was auch immer deine Absichten sein mögen, bist du eine Gefahr für mein Volk. Ich werde dir einen Führer geben, der dich zurück nach Hause bringt. Ich bitte dich nur darum, nicht in mein Reich zurückzukehren und keinen der deinen hierherzuführen. Denn mein Volk wäre dem deinen schutzlos ausgeliefert. Als Dank für dein Verschwiegenheit sollst du etwas aus meiner Schatzkammer erhalten.«
Juwin, der all die Schätze im Palast sah, willigte ein. So brachte die Königin ihn zur Schatzkammer, die tief im Inneren des Berges lag. Doch siehe da: Das gewaltige, scheinbar endlose Gewölbe war nicht etwa mit Gold und Edelsteinen gefüllt, sondern mit Körnern. Einem ganzen See voll Körner.
Da fühlte der Bauer sich betrogen und bat die Königin um ein anderes Geschenk. Diese jedoch erwiderte: »Wertvoller als alles Gold der Welt sind diese Körner. Denn sie sind verzaubert… Ein jedes von ihnen trägt ein anderes Wunder in sich. Wähle eines und es soll dein sein.«
Ungläubig nahm der Bauer also eines der Körner – ein goldenes, das sich außer durch seine Farbe durch nichts von einem gewöhnlichen Weizenkorn unterschied – und verstaute es in seiner Tasche. Die Hamsterkönigin nickte wohlwollend. »Sieben Jahre wird dir dieses Korn fruchtbare Felder bescheren, sieben Jahre wird dich jeder um deinen Garten beneiden.«

So verließ Juwin das Reich der Hamster. Sein Führer brachte ihn zurück an den Ort, an dem er abgestürzt war und von dort aus kehrte der Bauer nach Hause zurück. Am nächsten Morgen hielt er die Geschehnisse des Vortages nur noch für einen Traum. Dann jedoch fand er das goldene Korn in seiner Tasche.
Auch wenn er immer noch nicht wirklich glaubte, was er da erlebt hatte, pflanzte er das Korn auf seinem Feld und über die Wochen vergaß er es erneut. Als jedoch der Sommer kam, erblühte das Feld schöner als je zuvor und im Herbst trug das Getreide so viele Ähren, dass Juwin das ganze Dorf damit versorgen konnte.
So erging es ihm auch in den nächsten Jahren. Selbst die Stürme aus den Bergen vermochten es nicht, seine Ernte zu zerstören. Er dankte den Göttern für diesen Segen und hielt sein Versprechen der Hamsterkönigin gegenüber.
Als dann aber das siebente Jahr vergangen war, bemächtigte sich die Furcht Juwins. Er wusste, dass dies die letzte große Ernte gewesen war und dass der Zauber des Kornes im nächsten Jahr nicht mehr wirken würde.
So machte er sich erneut auf den Weg in die Berge, um die Hamsterkönigin um ein weiteres Korn zu bitten. Wenig kümmerte ihn nun sein Versprechen, denn zu groß war seine Furcht. Tagelang suchte er die Höhen und Täler ab. Doch er fand nichts.
Entmutigt kehrte Juwin dann nach Hause zurück und nahm sein früheres, entbehrungsreiches Leben wieder auf. Den Glanz des goldenen Kornes und die Königin der Hamster vergaß er jedoch nie.

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