Chronik

Das notwendige Übel

Während sich die meisten der Mi Sarucho bei den Gipfeln vor den Übeln versteckten, kehrten die Ranvári mit den Dimisori an ihrer Seite über die höheren Lüfte zum Umcalorion zurück, wo Voréos und Lauréa bereits auf sie warteten. Einzig Vuna war nicht bei ihnen, war sie doch erneut in einen dunklen Todesschlaf verfallen.
Eben dies war auch einer der Gründe, der die beiden Dimisori Gileiro und Tranachor in gerechtem Zorn entflammte. Nicht allein, dass unzählige Mi Sarucho in Amiráni verwandelt und die Pflanzen auf Liten Ayonas erneut vernichtet worden waren, war nun auch die Amme des Lebens ein zweites Mal in ihre Gruft hinab gesunken, während die Welt zu einem Schlachtfeld geworden war.
»Alle Schutzwälle waren umsonst, alle Wächter blind und taub«, sagte Tranachor. »Doch will ich weder die einen noch die anderen schelten – vielmehr uns, die wir diese Zerstörung nicht zu verhindern vermochten. Alles Schöne und Gute wird unweigerlich zugrunde gehen, wenn wir diese Übel nicht in ihre Schranken weisen.«
»Die Zeit der Verteidigung ist vorüber«, fügte sein Bruder Gileiro hinzu. »Ohne Grund griffen uns diese Wesen an, nun ist es an uns, zurückzuschlagen. Nicht diesen Übeln zur Vernichtung und zum Schlachtfeld erschufen wir diese Welt.«
Selbst die friedfertigsten und freundlichsten der Ranvári und Dimisori mussten einsehen, dass die beiden Recht hatten. Die Übel mussten aufgehalten werden. Nun kamen sie jedoch in die Verlegenheit, dass sie zwar in den Kampf ziehen wollten, jedoch nichts davon verstanden. Die Macht, die ihnen vom Schöpfer gegeben worden war, war gewaltig. Wohl wussten sie diese zum Erschaffen von Welten und zum Bändigen der Urkräfte einzusetzen, nicht jedoch, um Gewalt auszuüben, wie es zum Sieg über Olomru und Chelnaxu zweifellos von Nöten sein würde.
Während sich die Höchsten der Mi Sarucho über derartige Dingen berieten, gingen die beiden Übel auseinander, wie sie es schon so oft getan hatten – ohne dass eines von beiden das andere niedergeworfen hätte. Olomru kehrte in den Norden zurück, Chelnaxu in den Süden. Sie hinterließen ein gewaltiges, von Frost überzogenes Trümmerfeld, auf dem nichts mehr gedeihen würde. Erneut fanden sich die Mi Sarucho vor den Scherben ihrer Mühen wieder. Lauréa und Atia vergossen bittere Tränen, während Nelaro vor Wut schrie und Olion in düsteres Brüten versank.
Als alle anderen ihre Machtlosigkeit beklagten, war es Lirinella, die zuerst an Mosuryu dachte. Sie erinnerte sich daran, dass das dritte Übel bereits zuvor versucht hatte, die Mi Sarucho zum Kampf gegen Olomru anzustacheln. Anders als die anderen beiden schien es dabei jedoch nicht nach Zerstörung zu trachten, sondern vielmehr den Wunsch der Mi Sarucho nach Frieden zu teilen. In diesem Augenblick fragte sich Lirinella, ob Mosuryu überhaupt ein Feind war. Schließlich hatte es ihre Geschwister lediglich gegen ihren gemeinsamen Feind vereinen wollen, sie aber niemals angegriffen. In ihrer Not hielt sie dieses scheinbar missverstandene Wesen für einen möglichen Verbündeten, der das Blatt zu wenden vermochte.
So trat Lirinella vor die versammelten Ranvári, um diesen einen Vorschlag zu unterbreiten. Wenngleich sie vom Nichts berührt worden war, war es nicht die Arglist, die sie trieb, sondern die Sorge um die Welt. Dennoch säte ihre Rede Zwiespalt in den Reihen der Mi Sarucho. Während manche sogleich den Rat Mosuryus einholen wollten, ja das Übel der Mitte beinahe als ihren Erlöser verklärten, waren andere – allen voran Tranachor und Gileiro – entschieden dagegen.
»Welchem Zweck soll es dienen, ein Übel durch ein anderes zu ersetzen?«, sagten sie und es gab zunächst viele, die ihnen Recht gaben.
Doch so sehr sie sich auch bemühten, fanden auch die beiden Brüder keinen anderen Weg. Jene, die zunächst auf ihrer Seite gewesen waren, wandten sich alsbald ab, sodass sich die Ranvári schließlich dazu entschlossen, Lirinellas Rat anzunehmen. Doch schon sahen sie sich noch größeren Schwierigkeiten gegenüber, denn keiner von ihnen wusste, wo Mosuryu eigentlich zu finden war. Durch Enéras Tun waren die Nebel der Mitte ja verschwunden, ebenso wie das Wesen, das über sie geherrscht hatte.
Also machten sich die Mi Sarucho auf eine langwierige Suche, bei der sie die ganze Welt nach einem Anzeichen des Übels durchkämmten. Zum ersten Mal wandten sie ihrer Aufmerksamkeit nun auch den Eisfeldern jenseits von Yurtria zu. Dorthin hatte es sie bisher nur selten verschlagen. Inmitten der zerklüfteten Eisberge gab es jedoch so manche Spalte, in der sich allerlei missgünstige Gestalten verstecken hätten können.
Während die Mi Sarucho nun sowohl in den eisigen Weiten des gefrorenen Meeres als auch auf den weitläufigen Ebenen Yurtrias Ausschau hielten, schien Mosuryu wie vom Erdboden verschluckt. Bisweilen glaubte einer der Suchenden zwar, einen düsteren Schleier am Rande seines Bewusstseins wahrgenommen zu haben, doch wann immer er sich danach umdrehte, war da nichts außer ewiges Eis oder leeres Land. Auf diese Weise jagten die Mi Sarucho eine ganze Weile Schatten und Gespenstern hinterher.
Mosuryu, so heißt es, beobachtete dieses Schauspiel misstrauisch aus der Ferne, entschied sich schließlich aber doch, sich zu zeigen. Denn als es Lirinellas ansichtig wurde, erkannte es sogleich, dass diese von demselben Nichts berührt worden war, das auch in seinem Inneren hauste. Daher war es auch sie, die schließlich fündig wurde.
Mosuryu hatte sich in eine tiefe, lichtlose Höhle im Südosten der Welt zurückgezogen. Unweit von Chelnaxus Behausung gab es eine einzelne Felsinsel, die kaum aus dem gefrorenen Wasser des Meeres ragte. Zerklüftete Berge bedeckten ihre Oberfläche, während dichte Nebel sie geschickt vor den suchenden Augen der Mi Sarucho verbargen.
Lirinella stieß scheinbar zufällig auf diese Insel, als Mosuryu entschieden hatte, sich ihr zu zeigen. Ihre grenzenlose Neugier, die der Dimisor bereits zuvor zum Verhängnis geworden war, trieb sie dazu, allein in die Dunkelheit der Höhle hinabzusteigen. Dort fand sie sich dann plötzlich von einem undurchdringlichen Nebel umfangen.
Und Mosuryu, das sich darin verbarg, sprach zu ihr. Seine Stimme schien von überall gleichzeitig zu kommen. »Was erhoffst du dir von diesem Ort, Sterngeborene? Weshalb dringst du ungebeten in mein Reich ein? Warum störst du meinen Frieden?«
»Dich um Hilfe zu bitten, ward ich ausgesandt, Geschöpf des Nebels«, erwiderte Lirinella. Furcht war ihr zu dieser Zeit noch fremd und reine Neugier trieb sie an. »Große Übel bedrohen unser Dasein. Nichts konnten wir ihnen bislang entgegensetzen. Tatenlos mussten wir mitansehen, wie sie all das vernichteten, was wir aufbauten. Du jedoch bist nicht wie wir… Ebenso wenig bist du wie sie. Darum bitte ich dich: Steh uns bei!«
»Meine Hilfe sucht ihr?«, fragte Mosuryu beinahe belustigt. »Ihr wart es doch, die ihr mich aus meinem Land vertriebt und nun sucht ihr meine Hilfe? Seltsame Gestalten seid ihr, die ihr von den Sternen kamt. Ich traue euch nicht.«
»Ebenso wenig trauen wir dir«, bemerkte Lirinella. »Doch willst nicht auch du der sinnlosen Zerstörung ein Ende setzen, die diese Welt immer wieder heimsucht? Wolltest du uns nicht zuvor schon dazu anstiften, das Übel des Nordens zu bekämpfen?«
Mosuryu schwieg. Lautlos waberten die Nebel durch die dunkle Höhle, doch Lirinella bedrängte das Übel nicht. Nach einer Ewigkeit schließlich antwortete dieses: »Gut! So soll es denn sein! Ich werde dich und die deinen lehren, wie ihr es mit den Übeln aufnehmen könnt!«
»Dann sollten wir uns sogleich auf den Weg machen«, sagte Lirinella. »Meine Geschwister warten bereits. Und je eher wir diese Sache zu Ende bringen, desto besser.«
Doch Mosuryu weigerte sich, Lirinella zu begleiten. Es war vor allem der alles durchdringende Blick Enéras, den es fürchtete, hatte die Herrin des Lichtes doch seine wahre Gestalt erblickt.
»Mit dir allein werde ich mein Wissen teilen«, verkündete es Lirinella. »Du magst es an die deinen weitergeben und mich aufsuchen, wann immer du meinen Rat benötigst. Doch sollst du einstweilen niemandem verraten, wo du mich fandest. In den Reihen der deinen mögen jene sein, denen ich ebenso unerwünscht bin wie die Übel des Nordens und Südens…«
Zögernd ging Lirinella auf diese Bedingung ein. Sie leistete Mosuryu einen Schwur beim wahren Namen des Schöpfers, an den selbst die Götter gebunden waren. Trotz allem fühlte sie sich unwohl dabei, beinahe als würde sie die ihren durch dieses Abkommen mit dem Übel der Mitte verraten. Doch zum einen war ihre Neugier immer schon größer gewesen als die Vorsicht, zum anderen hatte sie keine andere Wahl, wenn sie von dem Übel lernen wollte.

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