Chronik

Das Übel des Nordens

Nach einer Ewigkeit der Dunkelheit kam nun also der erste Morgen über Yurtria. Klar und hell ging die Sonne über den umliegenden Eismeeren und den öden Landen auf. Und tatsächlich erfüllten sich die Hoffnungen der Mi Sarucho. Denn die Pflanzen, die der Erde von Liten Ayonas entsprungen waren, streckten sich dem sanften Licht entgegen. Größer und schöner wurden sie, während die Mi Sarucho den kühlen Tau genossen, der von den Blättern fiel und den Duft, der daraufhin die Lüfte erfüllte.
Mehrere Jahre lang dauerte diese erste Dämmerung. Denn damals kannte die Geduld der Mi Sarucho, deren Gestalt nicht an die Vergänglichkeit der Zeit gebunden war, noch keine Grenzen. So wollten sie keinerlei Wagnisse eingehen, indem sie die Dinge gegen ihre Natur beschleunigten und damit Gefahr liefen, das, was sie erschaffen hatten, wieder zu zerstören.
Die Pflanzen jedoch waren nicht das einzige, das vom Licht des endlosen ersten Morgens der Welt geweckt wurde. Auch wenn Sarucho am Anfang kahl und leblos gewesen war, war die Welt doch nicht so unbewohnt gewesen, wie es zunächst den Anschein erweckt hatte. Ehe nämlich noch Ravéla die Erde entdeckt hatte, hatten drei Geschöpfe dort gehaust. Woher sie in den Tiefen der Zeit gekommen waren, wusste niemand zu sagen. Sie waren den Mi Sarucho nicht unähnlich in ihrer Beständigkeit, unterschieden sich aber dennoch grundlegend von diesen.
Zum einen waren sie an die Welt gebunden, die ihre Heimat war, und an die körperliche Gestalt, die sie einst angenommen hatten, zum anderen wurden ihre Gedanken von roher Gewalt, unbändiger Wut und dem Willen, alles zu vernichten, beherrscht. Während manche sie für Abtrünnige, dem Nichts verfallene Mi Sarucho hielten, die es – wie Lirinella – gewagt hatten, hinter den Vorhang am Rande des Seins zu blicken, behaupten andere, sie wären aus der Dritten Saat entstanden, die sich mit Bruchstücken des Nichts vereint hätte, als die Regenbogenkugel zerstört worden war.
Woher sie auch gekommen sein mochten, sie waren da. Und nachdem sie lange Zeitalter hindurch Sarucho immer wieder verwüstet hatten, waren sie in einen tiefen Schlaf auf der dunklen Seite der Welt gefallen, aus dem sie nun durch das Licht der Sonne wieder geweckt wurden.
In den großen Trümmerfeldern des Nordens erwachte Olomru, das schwächste der drei großen Übel. Die Gestalt, in der es auftrat, war, wie bereits zuvor erwähnt, eine körperliche, wie sie die Mi Sarucho bisher noch nicht angenommen hatten. Olomru, hieß es, sei aus dem Fels entstanden, der den Kern Saruchos umgab und erschien als riesenhaftes Untier auf. Beinahe eine halbe Meile maß es vom Kopf bis zur Spitze seines langen Schweifes. Seine Haut war über und über mit harten Platten aus nahezu unzerbrechlichem Fels überzogen. Seine Klauen waren lang und spitz, ebenso seine unzähligen Zähne. Sein Rücken war von dicken Stacheln bedeckt, die den Gipfeln schroffer Berge glichen. Einem der noch ungeborenen Drachen mochte es entfernt geähnelt haben, doch war es sehr viel größer und sehr viel furchteinflößender.
Vom Licht der Sonne geweckt schlug Olomru nun seine riesigen Augen auf, die glühten wie die feurigen Klüfte, die einst das Innere Saruchos erhitzt hatten. In einer gewaltigen Senke von mehreren Meilen Durchmesser, die es sich einst selbst in die Erde geschlagen hatte, hatte es unter einer Decke von Geröll geruht. Mit einem lauten Brüllen erhob es sich nun, während Wolken von Staub und Steinen von seinem Rücken rieselten; riesige Felsen flogen durch die Luft und der Boden erzitterte.
Die Mi Sarucho bemerkten auf der Ebene von Liten Ayonas nur einen schwachen Nachhall dieses Bebens und maßen dem keinerlei Bedeutung bei. All ihre Aufmerksamkeit galt den Pflanzen, die bereits begannen, sich von der Erde zu lösen und dem Himmel entgegen zu streben. Einzig Tranachors, der weitsichtiger war als so manch anderer, bemächtigte sich die düstere Vorahnung eines kommenden Übels. So warnte er die Mi Sarucho, sich nicht allzu sehr in Sicherheit zu wiegen. Denn, wenngleich die Welt auch friedlich und in diesem Augenblick nahezu vollkommen erschien, erinnerte er sie daran, dass sie immer noch voll vom Wirken Kunus war und daher allerlei unbekannte Gefahren bergen mochte.
Doch die Ranvári schenkten ihm kein Gehör und auch die Dimisori kümmerten sich nicht um seine Worte, abgesehen von seinem Bruder Gileiro, der sich immer seinem Urteil beugte.
So kam es, dass die beiden Brüder gemeinsam loszogen, um dem Widerhall dessen nachzugehen, was Tranachor vernommen hatte. Sie hielten sich nahe an der Küste des Eismeeres und wanderten immer weiter nach Norden, bis sie schließlich Olomrus Schlafstatt entdeckten. Die Spuren einer unbändigen Gewalt, die vor nicht allzu langer Zeit noch an diesem Ort gehaust hatte, waren nicht zu übersehen, denn der Boden war übersät mit zertrümmerten Felsen, an denen Olomrus Krallen tiefe Wunden hinterlassen hatten. Dort entdeckten Tranachor und Gileiro auch eine Fährte riesiger Fußspuren, die nach Süden führte und dabei eine Schneise der Zerstörung um sich herum auftürmte.
Von diesen Bildern höchst verstört, eilten die beiden so schnell sie konnten zu den anderen zurück. Wenngleich sie nicht wussten, welches Übel für die Verwüstung des höchsten Nordens verantwortlich gewesen war, ahnten sie doch, dass ihre Brüder und Schwestern, die sie auf der Ebene zurückgelassen hatten, in höchster Gefahr schwebten.

Doch sie kamen zu spät. Eben zu jenem  Zeitpunkt, als Tranachor und Gileiro die Senke und die Schlafstatt des Übels erreicht hatten, brach Olomru wie eine Urgewalt über Liten Ayonas herein. All die lichten Gestalten, die es dort sah, erweckten seinen Zorn und seinen Neid. Die Mi Sarucho stoben entsetzt auseinander, ohne zu wissen, wie ihnen geschah. Nur Vuna blieb an ihrem Ort, besorgt um das Schicksal ihrer Schützlinge, der Pflanzen.
Als das Übel nun dieses urtümliche Leben sah, mit dem Lauréa die Ebene von Liten Ayonas erfüllt hatte, geriet es nur noch mehr in Zorn. Mit einem entsetzlichen, durchdringenden Brüllen, das auf der ganzen Ebene widerhallte, begann es, Lauréas Werke zu zertrampeln, deren Anblick in ihm nur Hass und Verachtung auslöste. Seine Klauen zerrissen die Blätter, seine Zähne zerfetzten die Stängel, seine Füße gruben sich tief in die Erde und zerquetschten sogar die Wurzeln.
Vuna versuchte verzweifelt, die Pflanzen zu schützen, indem sie diese an ihrer göttlichen Kraft teilhaben ließ, doch vermochte sie es in ihrer körperlosen Gestalt nicht, etwas gegen das Übel auszurichten. Wieder und wieder stellte sie sich ihm entgegen, wieder und wieder verwehte sie, wie ein Sandkorn im Wind. Mit jeder Pflanze, die ihr Ende fand, wurde sie schwächer, bis sie schließlich am Grunde Liten Ayonas‘ darniederlag.
Die anderen Mi Sarucho waren nicht im Stande ihr zu helfen oder das Übel aufzuhalten. Von wildem Grauen erfüllt flohen sie in alle Himmelsrichtungen. Nichts hatten sie bis zu diesem Zeitpunkt von der Kriegskunst verstanden, nicht einmal die großen Krieger Tranachor und Gileiro, die nicht anwesend waren.
So musste Lauréa aus der Ferne mit ansehen, wie ihre Werke zunichtewurden und ihre Dimisor langsam verging, ohnmächtig und bittere Tränen vergießend.

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