Dorf der Mursogi

Der Hüter des Waldes

Tief im Wald gab es einst eine Heilquelle, die die Menschen jener Zeit Elácala nannten. Lange Jahrhunderte war sie unberührt geblieben und nur wenigen bekannt. Doch eine Weissagung hatte Larayos, einen Prinzen des nahen Königreiches Orvolor, der an einer schrecklichen Krankheit litt, an diesen Ort geführt, und ihm Heilung gebracht.
Zum Dank versprach Larayos der Göttin Atia, die über alles Wasser gebot, an jenem Ort ein prächtiges Heiligtum zu erbauen. So machte er sich alsbald mit einer großen Gefolgschaft zur Quelle auf, um sein Gelübde zu erfüllen. Sein Weg war lange und beschwerlich, denn der Wald war in jenen Tagen wild und unwegsam. Nicht wenige seiner Untergebenen verliefen sich in dessen Tiefen und wurden nie wieder gesehen.
Der Weiße Schatten beobachtete diesen Zug aus dem Unterholz des Waldes heraus mit Missbilligung. Jahrhundertelang hatte Frieden in diesem Land geherrscht, nachdem jene spinnenhaften Baumeister verschwunden waren, deren Reich es einst angehört hatten. Nun jedoch kamen plötzlich lärmende Menschen mit Äxten und Feuer, die diese alte Ruhe störten. Doch der Wald war groß, sodass es dem Weißen Schatten leicht fiel, diesen Störenfrieden aus dem Weg zu gehen.
Als Larayos nun mit seinen Leuten erneut zur Quelle von Elácala kam, fand er sie ebenso friedlich und verwunschen wieder, wie an jenem Tag, als sie ihm Heilung gebracht hatte. Die Tiere des Waldes kamen ebenfalls zu diesem Quell, wann immer sie sich verletzt hatten und dort, so heißt es, herrschte selbst zwischen Jägern und Gejagten Eintracht.
Die Menschen, die mit dem Prinzen kamen, wahrten diesen Frieden jedoch nicht. Sie vertrieben die Tiere von Elácala, machten Jagd auf sie und töteten sie zu Dutzenden ihres Fleisches und Pelzes wegen. Auf begannen sie die Bäume um den Quell zu fällen. An jenem Ort, der einst nur Heilung und Ruhe verheißen hatte, wurde alsbald Tag und Nacht gearbeitet.
Vertrieben aus Elácala fanden nun einige Tiere unter der Führung einer großen, grünen Schlange ihren Weg zum Weißen Schatten. »Wir bitten dich, oh Unsterblicher, gebiete dem Treiben der Menschen Einhalt!«, sagten sie zu ihm, in ihren unzähligen Sprachen, die außer ihm kaum jemand zu verstehen vermochte. »Nichts Böses wollen wir ihnen, nur den alten Frieden wahren! Sprich du zu ihnen und erzähle ihnen von unserem Wunsch! Denn du allein vermagst sie umzustimmen!«
Der Weiße Schatten nahm diese Aufgabe gerne an, waren doch auch ihm die Menschen ein lästiges Ärgernis. Auch er liebte die Quelle von Elácala, hatte sie ihm in den lange vergangenen Jahren seiner Jugend doch auch einst vor dem Tode bewahrt.
So kam er also zur Quelle. Doch anders als die Tiere ihn gebeten hatten, sprach er nicht zu den Menschen, sondern er erschreckte sie und er verjagte sie. Keiner vermochte sich gegen seine unheimliche Macht zur Wehr zu setzen. Alles ließen sie zurück, als sie Hals über Kopf in den Wald hinein flohen.
Als dann die Nacht hereinbrach, ruhte der Weiße Schatten sich, von seinem Wüten ermattet, in der Mitte der Lichtung aus, auf der die Menschen ihr Lager aufgeschlagen hatten. Auf einem Felsen thronend döste er vor sich hin, sein Fell sanft schimmernd, als er einen Greis bemerkte, der von der Last des hohen Alters gebeugt, auf einen langen Stock aus Haselholz gestützt ungerührt des Weges kam. Der Weiße Schatten sprang auf und ließ sein grelles Licht durch den Wald fluten, fauchte und knurrte.
Doch der Mann ließ sich nicht beeindrucken. »Ich komme in Frieden, du gleißender Rächer«, sagte er lachend. »Ich bin nicht dein Feind, genauso wenig wie jene, die du verjagtest. In ihrem Namen spreche ich mit dir. Lenérion ist mein Name.« Er setzte sich neben den Weißen Schatten.»Ich weiß, wer du bist. Die Tiere haben dich geschickt, doch bist du keines von ihnen. Vielmehr ähnelst du denen, die du verjagtest.«
Der Weiße Schatten knurrte. Der Alte hatte Recht und das gefiel ihm nicht. Dennoch entschied der sich, zu hören, was dieser zu sagen hatte.
»Du weißt genauso gut wie ich, dass die Menschen zurückkehren werden«, erklärte der Alte. »Du kannst sie verjagen, so oft du willst, du kannst sie sogar töten. Doch es werden andere kommen. Larayos, der Prinz von Orvolor, ist kein Mann, der sich geschlagen gibt, nur weil er es mit höheren Mächten zu tun hat. Das Schicksal selbst, so glaubt er, hätte er in diesem Quell besiegt… Warum also nicht eine Übereinkunft mit ihm treffen? Zum Wohl deiner Freunde, versteht sich, und dem der Menschen.«
Widerwillig ließ sich der Weiße Schatten auf diesen Vorschlag ein, wusste er doch, dass sein Gegenüber Recht hatte. Und ihm stand nicht der Sinn danach, jemanden töten zu müssen.
So begab er sich dann in Begleitung des Greises Lenérion zu Larayos, der ein wenig südlich der Quelle seine Gefolgsleute um sich gesammelt hatte. Ängstlich hoben diese ihre Speere, als sie das von Licht erfüllte Tier sahen, doch Lenérion überzeugte sie vom guten Willen seines Begleiters.
»So bleibt denn an diesem Ort«, sagte der Weiße Schatten. »Doch haltet ihn nicht für den euren. Denn er gehört allen Wesen dieser Schöpfung gleichermaßen. Ihr sollt euer Heiligtum bauen, wenn es euch gefällt, doch nimmer sollt ihr Blut vergießen an diesem Quell – weder das von euresgleichen, noch das der Tiere. Und für jeden Baum, den ihr auf diesem heiligen Grund fälltet oder noch fällen werdet, sollt ihr einen neuen pflanzen.«
»So sei es, oh Hüter des Waldes!«, willigte Larayos erleichtert ein.
Daraufhin lebten die Menschen in Eintracht mit jenen Tiere, die die Wälder um Elácala durchstreiften. Sie errichteten Atia ein prächtiges Heiligtum und für jeden Baum, den sie dabei fällten, pflanzte Larayos selbst eine Schwarzesche – den Baum seines Hauses. Der Weiße Schatten zog sich wieder in die Stille des Waldes zurück und wurde von da an als Hüter des Waldes geehrt und gefürchtet. Mit dem Prinzen von Orvolor verband ihn jedoch eine lange Freundschaft.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht.