Chronik

Der Schlaf

So war nun also das Übel des Südens besiegt – zwar nicht endgültig vernichtet, doch zumindest seiner Kräfte und Freiheit. beraubt. In der Zwischenzeit hatten Atia und Nelaro im Norden immer noch mit Olomru zu kämpfen. Denn wenngleich die beiden ihren Feind unablässig bedrängten, gelang es ihnen nicht diesen niederzuringen. Stattdessen machten sie das Übel nur immer wütender.
Nelaro schleuderte unzählige Blitze nach ihm, die jedoch wirkungslos von Olomrus gepanzerter Haut abprallten. Auch Sturm und Hagel vermochten es nicht, das Übel in die Knie zu zwingen. Die Luft hatte scheinbar keinerlei Macht über den Feind. Atia stand ihrem Bruder zwar zur Seite, doch wenngleich sie Mosuryus Stein trug, war sie Voréos in ihrer friedlichen Geistesart doch am ähnlichsten, sodass sie ihre Kraft zurückhielt. Sie konnte und wollte nicht verstehen, warum der Schöpfer es zuließ, ja beinahe von ihnen forderte, ihre Kräfte auf diese Weise einzusetzen, um einem Wesen, das ebenso sehr in der Schöpfung lebte wie sie selbst, Gewalt anzutun.
Wilde Schneestürme wüteten im Norden, während das zornige Brüllen Olomrus durch die Lüfte hallte. Das Eis, das das Übel hätte schwächen sollen, bewirkte gar nichts. Jedes Mal, wenn Atia versuchte, es mit Fesseln aus gefrorenem Wasser bewegungsunfähig zu machen, befreite es sich sogleich und schlug mit großer Wut zurück. Die Dimisori, die diesem Feldzug beiwohnten, taten ihr bestes, um zu helfen, doch auch sie richteten nichts aus.
Als Chelnaxu im Süden bereits hinter einer Wand aus Feuer gefangen war und Olion und Lauréa das Gefängnis im Erdkern vorbereiteten, waren die Ranvári im Norden am Ende ihrer Kräfte. Viele Wunden hatten sie davongetragen, während auch ihr Heer geschwunden worden war, den Schwächen der körperlichen Gestalt erlegen. Schon drohte Olomru durch ihre Reihen zu brechen und erneut nach Süden, zum Umcalorion zu stürmen. Nur der Dimisor Cilmalan hielt es noch mit fünf tapferen Mi Sarucho zurück.
Da wurde Voréos der Not gewahr, in der sich seine Geschwister im Norden befanden. Wenngleich immer noch die Gefahr bestand, Mosuryu könnte sich in seiner Abwesenheit des Umcalorions bemächtigen, erhob er sich dennoch ohne zu zögern als dunkle Wolke der Finsternis, ebenso schön wie bedrohlich und eilte nach Norden. Zurück ließ er seinen Boten Horonkalo beim ewigen Wächter Alkilion, mit sich nahm er eine Waffe, die er eben erst ersonnen hatte und die ganz seinem Wesen entsprach – denn diese Waffe war der Schlaf.
Auch Cilmalan und seine fünf Mitstreiter lagen nun bereits am Ende ihrer Kräfte in den Einöden des Nordens, als Voréos dort angelangt war. Olomru bäumte sich drohend über seinen besiegten Feinden auf, als der Herr der Finsternis das Übel in einen Schleier tiefer Dunkelheit hüllte. Zugleich legte er das Siegel des Schlafes auf seinen Feind. So friedlich diese Waffe auch sein mochte, so mächtig war sie.
Augenblicklich begann Olomru zu schwanken. Seine steinernen Lider wurden schwer, während es sich nur mehr mit Mühe auf den mächtigen Beinen halten konnte. All sein Zorn war mit einem Mal verraucht. Kraftlos sank es zu Boden, wie nach einem seiner äonenlangen Kämpfe mit Chelnaxu.
»Zögert nicht, meine Schwester, mein Bruder!«, rief Voréos Atia und Nelaro zu, die durch sein Erscheinen neuen Mut gefasst hatten. »Der Feind ist noch nicht besiegt. Lasst diese Gelegenheit nicht ungenutzt verstreichen.«
Die beiden Ranvári verstanden. Nelaro ließ den stärksten Sturm wüten, den er in seinem geschwächten Zustand noch zustande brachte, während Atia ihn mit Wasser und Eis unterstützte. So wurde Olomru von einem gewaltigen Wirbel von Frost eingehüllt, gegen den er sich durch seine Müdigkeit nicht mehr wehren konnte. Als der Wind dann schließlich erstarb, war das Übel in einen gewaltigen Berg aus Eis eingeschlossen.
»Dort mag das Übel liegen und schlafen, bis ich sein Siegel löse«, verkündete Voréos.
Der Schlaf nämlich, mit dem er Olomru belegt hatte, war kein gewöhnlicher. Vielmehr war es ein Zustand, der dem Tod der späteren Zeitalter nicht unähnlich war und nicht aus eigener Kraft überwunden werden konnte. Olomrus Körper blieb im Eis von der Zeit zwar unberührt, doch die gewaltige Kraft, derer es sich am Anfang der Zeit gerühmt hatte, schwand dahin, in jedem Augenblick, den es im dunklen Dämmern verbrachte, ein wenig mehr.
Die Mi Sarucho jubelten ob der Bezwingung der Übel. Wenngleich sie große Opfer hatten bringen müssen und viele der ihren schlimme Verletzungen davon getragen hatten, herrschte nun endlich der Friede über Sarucho.
Der Kampf gegen die Übel hatte den gesamten ersten Tag Saruchos gedauert und als Olomru endlich eingefroren worden war, war die Dämmerung bereits weit fortgeschritten. So kehrten die Mi Sarucho mit den letzten Strahlen der Sonne erschöpft zur Ebene von Liten Ayonas zurück. Dort ruhten sie die ganze Nacht lang, die dem ersten Tag folgte.
Einzig die Flamme Alkilions wachte von ihrem hohen Sitz am Gipfel des Umcalorion über die Welt. Voréos, dem Schlaf und Ruhe eigen waren, wanderte zwischen den Ruhenden umher und versorgte ihre Wunden – Enéras ebenso wie die Atias und Nelaros und all der geringeren Mi Sarucho. Auch diejenigen Wunden besah er, die Sarucho selbst in der Schlacht erlitten hatte. Vor allem der äußerste Norden und der Süden lagen in Trümmern, doch auch Liten Ayonas hatte gelitten. Große Mühen standen ihnen bevor, doch war Voréos zuversichtlich, nun da die Übel besiegt worden waren.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht.