Dorf der Mursogi

Der Schreiende König

Das Königreich Styronna wurde langsam in den Wirren eines Bürgerkrieges auseinandergerissen, in dem der Sohn nach der Herrschaft des Vaters strebte. Währenddessen gedieh die kleine Siedlung Reruwalt am Rand des Reiches unter der Führung der einstigen Prinzessin Meressa zu einem prächtigen Dorf. Aus Furcht vor dem Krieg und ihrem wahnsinnigen Bruder Sanard hatte Meressa jedoch einen hölzernen Wall um die Häuser herum erbauen lassen, der dem Dorf auch seinen Namen gab.Dort führte die Prinzessin ein einfaches, aber angenehmes Leben, weitab der Gräuel des Bürgerkrieges. Manch ein Flüchtling fand den Weg zu ihr und wurde von ihr mit offenen Armen aufgenommen. So erging es auch dem Almar Laminas, der auf Bitten ihres Vaters, des Königs, zu ihr kam, um ihr mit Rat und Tat zur Seite zu stehen.
Nach etlichen, langen Jahren gelang es Sanard dann schließlich den Krieg für sich zu entscheiden. Sein Vater fand in der letzten Schlacht um die Hauptstadt Werenvach den Tod, seine Schwester war verschwunden, sodass er sich endlich zum König krönen konnte.
Doch das Reich, das er gewonnen hatte, gab es nicht mehr. Viele Städte lagen durch seine Schuld in Schutt und Asche, die meisten seiner Untertanen waren entweder tot oder geflohen. Der Sieg, den er auf den Feldern Werenvachs errungen hatte, war fruchtlos.
Sanards Verbündete erkannte dies wohl, denn auch sie hatten schwer unter dem Bürgerkrieg gelitten. So wandten sie dem siegreichen König alsbald den Rücken zu. Mit Gewalt versuchte Sanard das Reich wieder zu einen, doch er scheiterte wieder und wieder, fand er doch kaum noch Anhänger, die bereit gewesen wären, ihm zu Willen zu sein. Selbst seine engsten Freunde und Vertrauten ließen ihn schließlich im Stich, sodass er allein über eine zerstörte Stadt herrschte.
Wut bemächtigte sich Sanards. Er hatte alles gewonnen und doch alles verloren. Sein Traum, das Großreich Orvolor wiederauferstehen zu lassen, war dahin. Die Schuld daran suchte er jedoch nicht in seinem eigenen Wahn, der ihn dazu getrieben hatte, gegen seine Vater in den Krieg zu ziehen, sondern bei seiner Schwester. Obwohl sie die Thronerbin war, war sie einfach verschwunden und hatte damit jede Hoffnung auf eine friedliche Einigung durch eine Heirat mit ihm zunichte gemacht hatte.
Wahnsinnig und gebrochen machte er sich also auf die Suche nach Meressa, um Rache an ihr zu nehmen. Viele Monde lang irrte er durch das verwüstete Reich, das er sich so tapfer erkämpft hatte, hielt Augen und Ohren offen. Er litt schrecklichen Hunger, war auf die Mildtätigkeit seiner ehemaligen Untertanen angewiesen und sein Hass wuchs von Tag zu Tag, je verwahrloster er wurde.
Schließlich gelangte er in das kleine Dorf Tolrach, an der Südgrenze Styronnas. Dort erfuhr er von der Ortschaft Reruwalt, die erst vor wenigen Jahren im Süden gegründet worden war und seither von einer mächtigen Frau beherrscht wurde. Wenngleich ihm niemand den Namen dieser Frau sagen konnte, glaubte Sanard doch, seine Schwester gefunden zu haben. So machte er sich auf nach Reruwalt.
Was er dann sah, als er die Mauern durchschritten hatte und auf den wimmelnden Marktplatz hinabblickte, entfachte seine Wut nur noch mehr. Denn, während er alles verloren hatte, schien Meressa ein glückliches Leben zu führen. Und wenngleich sie über kein Königreich gebot, hatte sie doch eine beträchtliche Zahl von Untertanen um sich gesammelt, die sie liebten und verehrten. Kalter Neid zerfraß ihn. Er sah die Zufriedenheit der Reruwalter und ihren bescheidenen Reichtum, der ihm einst unbedeutend erschienen wäre, nun jedoch seine finstersten Gelüste weckte.
Weinend raufte er sich die Haare und floh aus dem Dorf. Dort brach er vor Erschöpfung am Straßenrand zusammen. Dort fand ihn auch Meressa, die eben von einem Ausflug in die Wälder zurückgekehrt war. Sie erkannte ihn nicht, denn die Jahre und das Leid hatten ihn sehr verändert.
»Ihr Ärmster, was ist Euch widerfahren?«, sagte sie voll von Besorgnis. »Habt Ihr Hunger? Habt Ihr Durst?« Sie bot ihm von ihrer eigenen Wegzehrung an. »Welche Gräuel musste Ihr durchmachen, so zerschunden, wie Ihr seid? Lasst mich Euch helfen! Hier in Reruwalt gibt es für jeden einen Platz!«
Sanard hob den Kopf und blickte in die Augen seiner Schwester. Güte und Mitleid sah er dort. Der Hass überwältigte ihn. »Ja, Ihr könnt mir helfen…«, sagte er.
Aus den Tiefen seines Gewandes zog er einen Dolch – das einzige, was ihm von seinem Reichtum geblieben war – und hieb nach seiner Schwester. Freilich griff deren Gefolge sofort ein, stieß ihn zu Boden und entwaffnete ihn.
Doch es war bereits zu spät. Meressa starb an der Wunde, die er ihr geschlagen hatte.
Groß war da die Trauer der Reruwalter, denn ihre Herrin war stets gut zu ihnen gewesen. Selbst die Bäume schienen an jenem Tag zu weinen, an dem Meressas Körper auf einem Hügel südlich des Dorfes dem Feuer übergeben wurde, wie es in Styronna von alters her Brauch war.
Ihr Mörder jedoch wurde in Ketten gelegt. Und es war der Almar Laminas, der schließlich erkannte, wer für Meressas Tod verantwortlich war. Freilich verlangte es da viele nach Blut. Viele der Reruwalter hatten schon im Bürgerkrieg durch Sanards Grausamkeit Freunde und Verwandte verloren. Nun wollten sie den König für seine Taten sterben sehen.
Doch Laminas sprach sich dagegen aus. »Kein Tod kann den anderen ungeschehen machen«, sagte er. »Es steht uns nicht zu, über sein Leben zu richten. Doch büßen soll er für seine Untaten.«
Da Laminas‘ Wort und Weisheit in Reruwalt große Macht besaß, wurde Sanard also am Leben gelassen. Doch da es in Reruwalt zuvor keine Verbrechen gegeben hatte, gab es auch kein Verlies. Daher erbauten die Reruwalter mit der Hilfe des Almars jenseits des Flusses Larlun einen steinerne Turm.
Dorthin wurde Sanard schließlich gebracht. Sie nahmen ihm alles, was er noch bei sich hatte. Dann mauerten sie die Tür zu und Laminas versiegelte sie mit einem mächtigen Zauber. Ein kleines Fenster – gerade groß genug, dass man eine Hand hindurch strecken konnte – blieb die einzige Verbindung zur Außenwelt, dem König zugestanden wurde. Durch dieses brachten sie ihm jeden Tag ein karges Mahl – gerade genug, um ihn am Leben zu erhalten.
»In der Finsternis sollt Ihr Buße tun«, sprach der Almar, doch stellte er ihm auch Freiheit in Aussicht. »Zeigt Ihr jedoch wahre Reue, so sollt Ihr diesen Turm verlassen dürfen…«
Doch Sanard bereute nichts. Oft schrie er des Nachts im Wahn und beklagte sein grausames Schicksal. Den Verlust seiner Macht bedauerte er zutiefst, doch weder den Bürgerkrieg, noch den Mord an seiner Schwester. So blieb er in der Finsternis des Turmes eingesperrt bis zu seinem Tod.
Doch selbst danach, so heißt es, wäre er durch den Bann des Almars an den Turm gebunden geblieben, sodass sein Geist den Weg ins Reich der Toten niemals fand. Immer noch hört man ihn bisweilen in den von Unkraut überwachsenen Überresten seines Turmes schreien.

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