Dorf der Mursogi

Der Sohn des Meeres

Es war ein klarer Herbstmorgen, als Narvanros die Küste von Havalan erreichte. Der Wolf Belph war ihm ein treuer Begleiter gewesen, doch die Zeit ihres Abschiedes stand unmittelbar bevor. Keine zwei Tagesreisen südlich befand sich eine kleine Hafenstadt, in der gelegentlich Schiffe anlegten. Mit ein wenig Glück würde er dort ein Schiff finden, das ihn in den Süden nach Aëg Lûr brachte, wo er wie gewohnt den Winter verbringen würde. Über einen steinigen Pfad stiegen Mann und Wolf zum Kieselstrand hinab. Dort würden sie ein wenig leichter vorankommen als durch das wilden Gestrüpp der Hochlande.
Sie waren bereits eine Weile unterwegs, als Belph einen fremden Geruch wahrnahm. »Menschen«, sagte er, obwohl niemand zu sehen war.
Narvanros nahm seinen Bogen zur Hand und legte einen Pfeil auf. Er hatte gelernt, auf die feine Nase seines Begleiters zu vertrauen. Nicht selten verschlug es Gesetzlose und Seeräuber an diese einsamen Gestade, wie er wusste, und er hatte keine Lust mit diesen Gesellen aneinander zu geraten.
Während sie dem Verlauf der Küste nach Süden folgten, hielt er also sorgfältig Ausschau nach verräterischen Spuren. Belph sog hin und wieder schnüffelnd die salzige Seeluft ein, schwieg jedoch. Wessen Geruch auch immer er zuvor gewittert haben mochte, schien weitergezogen zu sein.
Narvanros ließ seinen Blick nachdenklich über die nahe Brandung schweifen. Da lenkte etwas ganz in der Nähe seine Aufmerksamkeit auf sich. Zwischen Treibholz und an Land gespültem Seegras lag jemand. Belph knurrte leise.
»Ruhig, mein Freund«, beschwichtigte Narvanros den Wolf. Was das Meer da ausgespuckt hatte, sah nicht eben so aus, als könne es ihnen allzu gefährlich werden.
Langsam und vorsichtig näherten sie sich dem reglosen Menschen. Bald erkannte Narvanros, dass es sich dabei um eine schlanke, junge Frau handelte. Ihr dunkelblondes Haar hing ihr in nassen Strähnen in das blasse Gesicht. Kaum mehr als nasse Lumpen klebten an ihrem Körper – wohl die Überreste eines zuvor prächtigen blauen Kleides. Die schlanken Arme hatte sie um ein Bündel aus Leinen an ihrer Brust geschlossen.
Als Narvanros sich dann neben sie kniete, um zu prüfen, ob sie noch am Leben war, öffnete sie die Augen. Es waren graue Augen, ebenso grau wie das Meer.
»Wer… Wer seid Ihr?«, fragte sie mit schwacher Stimme. Ihr Blick war trüb vom Schatten des Todes. Obwohl Narvanros keine äußeren Verletzungen ausmachen konnte, wusste er doch, dass das Schicksal dieser Frau besiegelt war.
Sie hustete angestrengt, wobei sie ein wenig Blut und Meerwasser ausspuckte. Während sie ihr Bündel mit der rechten Hand immer noch fest umklammert hielt, streckte sie die Linke nach dem Fremden neben ihr aus und bekam ihn am Kragen zu fassen. Etwas Flehendes lag in ihrem Blick.
»Überanstrengt Euch nicht«, sagte der Mann aus den Wäldern beklommen. »Ich werde Euch helfen.« Er legte seine Hand beschwichtigend auf ihre.
»Ruvur ruft bereits nach mir«, krächzte sie. Sie hustete erneut heftig. »Ich kenne Euch nicht… Doch… Bitte… Helft meinem… meinem Sohn.« Erst jetzt bemerkte Narvanros, dass in dem Bündel an ihrer Brust ein Säugling steckte. Dem Todeskampf seiner Mutter zum Trotz schlief dieser seelenruhig.
Mit zitternden Händen streckte die Frau Narvanros ihr Kind entgegen. Dieser zögerte, nahm es dann aber doch behutsam an sich. Wie hätte er einer Sterbenden diesen letzten Wunsch verwehren können?
Daraufhin seufzte die junge Frau erleichtert. Mit ihrer letzten Kraft zog sie einen dünnen goldenen Siegelring vom Ringfinger ihrer linken Hand und streckte auch diesen dem fremden Mann entgegen.
»Ich bitte Euch… Bei allen Göttern des Meeres und des Landes!«, krächzte sie. »Passt gut auf meinen Sohn auf… und gebt ihm dies… wenn er älter ist. In diesem Ring liegt das Geheimnis… seiner Herkunft… verborgen.«
»Ich verstehe nicht ganz…«, gab Narvanros zu. »Welche Herkunft? Wer seid Ihr?« Dass der Ring sehr wertvoll und bedeutend war, konnte er auf den ersten Blick sehen. Ein ihm unbekanntes Wappen war darin eingelassen – der Kopf eines Tieres mit vier Hörnern und einem dünnen Schwert auf der Stirn. An der Stelle der Augen glitzerten zwei winzige grüne Edelsteine.
Die Frau blickte Narvanros stumm an. Jeder Atemzug schien sie unglaublich viel Kraft zu kosten. Sie litt. »Nun gut, ich verspreche es Euch«, sagte der Jäger schließlich. »Ich werde mich um Euren Sohn kümmern, so gut ich kann. Aber…«
Ein sanftes Lächeln breitete sich daraufhin auf den Lippen der jungen Frau aus. Dann erlosch das Leben in ihren Augen. Erst da begann das Kind in Narvanros‘ Armen zu schreien. So laut, dass es sogar das Rauschen der Wellen übertönte.

Narvanros begrub die Frau mit Belphs Hilfe ein wenig landeinwärts. Das Grab kennzeichnete er mit einem Stein, in den er einige bannende Runen geritzt hatte. Das Kind nahm er jedoch mit sich. Er näherte es, so gut er konnte, mit dem, was er bei sich hatte. Es war ein ruhiges Kind, das nur selten schrie. Dennoch fühlte der Mann aus den Wäldern sich nicht fähig, sich angemessen darum zu kümmern. Zu unstet und gefährlich war sein Leben in der Wildnis.
Auf Belphs Rat hin hielt er dann kaum, dass er die nächste Siedlung erreicht hatte, Ausschau nach jemandem, der dem Kind ein besseres Zuhause würde geben können. Die junge Tochter eines Gastwirtes erklärte sich alsbald dazu bereit, das Kind mit ihrem Neugeborenen aufzuziehen.
Da bemerkte Narvanros jedoch, dass er nicht bereit war, sich von dem Kind zu trennen. Er blickte in dessen meergraue Augen und sah darin eine Stärke, die ihn erschaudern ließ. Eine Stärke, die er zuletzt bei dem Mann gesehen hatte, der ihn alles über das Leben und Überleben in der Wildnis gelehrt hatte. Und er wusste, dass dieses Kind selbst die größten Gefahren und Wirrnisse überstehen würde.
So entschloss er sich dann, jenes Kind einer Fremden wie seinen eigenen Sohn aufzuziehen, den er niemals gehabt hatte. An einem kalten Herbstabend gab er ihm den Namen Naron, »Sohn des Meeres«.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht.