Des Grafen Nachtisch

Einst lebte in Miena ein junger Mann namens Glawin. Sein Vater war schon lange tot, seine Mutter war Priesterin im Tempel der Götter, er selbst hatte das Schneiderhandwerk erlernt. Er führte ein bescheidenes Leben und war glücklich mit dem, was er hatte. Eines Tages wurde er von Mereno, dem Grafen von Miena gerufen, um für dessen Tochter ein neues Kleid anzufertigen.
Die junge Frau, die den Namen Lowild trug, war weithin für ihre Schönheit, aber auch für ihren Eigensinn bekannt. Immer wieder hatte ihr Vater versucht, sie an die Söhne befreundeter Edelleute oder reicher Händler zu verheiraten, immer wieder hatte sie abgelehnt. Als sie nun jedoch den jungen Schneider sah, der kaum zwei Jahre älter war als sie, fand sie Gefallen an ihm.
Auch Glawin entwickelte Gefühle für die Tochter des Grafen. Als er erkannte, dass sie ebenso empfand, gestand er ihr seine Liebe und die beiden wurden ein Paar. Lowild wusste wohl, dass ihr Vater diese Beziehung nicht gutgeheißen hätte und so trafen sie einander nur heimlich. Gelegenheiten gab es genug, denn immer wieder fand die junge Grafentochter einen Anlass, sich ein neues Kleid anfertigen zu lassen. Da ihr Vater sich wenig um die Vorlieben seiner Kinder kümmerte, schöpfte er keinen Verdacht, als die Besuche des Schneiders sich häuften.
Ein Jahr verging, während die Liebe im Geheimen gedieh. Bald jedoch war Glawin die Heimlichtuerei leid. So ging er eines Tages zum Grafen und hielt um Lowilds Hand an. Freilich war Mereno alles andere als erfreut. Auch die Bitten seiner Tochter vermochten ihn nicht umzustimmen.
»Jeden Wunsch erfüllte ich dir bisher, doch diesen werde ich dir nicht gewähren«, sagte er streng. »Wer immer dich zur Frau haben will, muss einflussreich und wohlhabend sein. Bist du wohlhabend, Schneider?«
Glawin schüttelte den Kopf. Er flehte den Grafen auf Knien an, doch dessen Herz blieb hart. »Eher will ich Kuchen freiwillig gegen Schnee eintauschen, als dass ich es zuließe, dass du meine Tochter heiratest. Nun hinfort mit dir!« Dies sagte er so dahin, denn es war weithin bekannt, dass der Graf nichts lieber mochte als den Kuchen, den zum Nachtisch zu essen pflegte.
Niedergeschlagen zog Glawin von dannen. Die Liebe zu Lowild war stark, doch war die Grafentochter für ihn nunmehr unerreichbar. Tagelang brütete er in der Düsternis seines Hauses vor sich hin und empfing niemanden, bis er sich entschied, mit seiner Mutter darüber zu sprechen.
Als er diese im Göttertempel besuchte, wo sie ihrem Tagwerk nachging, sprach sie ihm Mut zu. »Deine Liebe ist wahrhaftig, mein Kind, und die Götter sind mit jenen, die wahrhaftig lieben.«
»Was aber soll ich tun, Mutter? Ich bin kein Edler oder Graf, ich habe weder Ländereien noch Reichtümer…«, erwiderte Glawin verzweifelt.
Wie es die Art der Priester war, schlug seine Mutter ihm vor, zu beten. »Hoch oben in den Bergen gibt es ein kleines Heiligtum. Dein Vater ging dorthin, wann immer er nicht mehr weiterwusste.«
Diese Worte fand Glazian wenig tröstlich, denn er war nicht sonderlich gläubig. Dennoch machte er sich auf den Weg in die Berge, um besagtes Heiligtum aufzusuchen. Er fand es an eben jenem Ort, den seine Mutter ihm beschrieben hatte. Aus dem Schnee des Frühlings ragte dort nicht mehr als ein großer Felsen, aus dem jemand eine grob behauene steinerne Schlange herausgeschlagen hatte. Dort betete der junge Mann zu den Göttern und bat sie, ihm einen Weg zu seiner Geliebten zu zeigen.
Freilich schwiegen die Götter, wie sie es allzu oft taten. Entmutig seufzte Glawin. Da er durstig war, nahm er einen Schluck aus seiner Feldflasche, die mit gesüßtem Wein gefüllt war. Da erregte etwas am Heiligtum seine Aufmerksamkeit. Die steinerne Schlange hatte sich vom Felsen erhoben und blickte ihn mit starren Augen an.
Glawin erschrak so sehr, dass er stolperte und rückwärts in den Schnee fiel. Als er sich wieder aufrappelte, war die Schlange verschwunden. Eilig hob er die Flasche auf, die ihm beim Sturz entglitten war. Der Schnee war rot vom Wein, der darin versickert war. Da traf den jungen Mann ein Geistesblitz. Er dankte den Göttern und kehrte nach Miena zurück.

Währenddessen hatte Graf Mereno die leidliche Angelegenheit mit dem Schneider schon wieder vergessen. Dass seine Tochter seit dem Vorfall nicht mit ihm gesprochen hatte, fiel ihm gar nicht auf, da er ohnehin nie allzu viel mit seinen Kindern zu tun hatte. Er erfreute sich des Lebens, allem voran des Kuchens, den er jeden Abend aß.
Eines Tages jedoch erklärte ihm sein Koch, dass es in der Küche einen Unfall gegeben hatte und dass es daher für einige Tage keinen Kuchen geben würde. Stattdessen wurde dem Grafen ein anderer Nachtisch aufgetragen. Kalt wie Eis war dieses Gericht, zugleich aber süß. Der Koch nannte es Meju, doch woraus es bestand, verriet er dem Grafen nicht. Allerdings mundete dieser neue Nachtisch Mereno so gut, dass er bald nur noch darum bat, statt um Kuchen.
Eine Woche verging und eben als der Graf wieder bei seinem Nachtisch saß, betrat der unliebsame Schneider, der seiner Tochter nachgestellt hatte, den Saal.
»Was willst du schon wieder hier?«, fragte Mereno missmutig. »Wie ich dir schon sagte, meine Tochter erhältst du nicht zur Frau. Eher will ich…«
»Eher wollt Ihr Kuchen freiwillig gegen Schnee eintauschen«, sagte Glawin lächelnd. »Was Ihr getan habt, wie mir ein guter Freund – Euer Koch – versichert hat. Dieses Meju, das Ihr da esst, habe ich ihm gebracht. Es ist nichts anderes als Schnee aus den Bergen, mit Honig und Früchten gesüßt.«
Verdutzt starrte der Graf die Schale mit dem kalten Nachtisch an. Dann lachte er auf. »Du bist ein kluger Mann, mich so beim Wort zu nehmen. Wenn es etwas gibt, was ich mehr schätze als reiche Männer, dann sind es kluge. Nun gut, du sollst deinen Willen haben. Für diese Freude, die du mir bereitet hast.«
So durfte der Schneider also die Tochter des Grafen heiraten. Alle waren glücklich und das Meju, das der kluge Glawin im Gebirge erdacht hatte, wird auch heute noch gerne in Miena zum Nachtisch gegessen.

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