Die Bogenschützin von Fisandanon

Lange Zeit wurden die großen Wälder im Osten und Süden von den Ranchar beherrscht – spinnenhaften Geschöpfen, die ein wenig größer als Menschen und nicht weniger klug waren. Die Menschen hatten nicht viel Umgang mit ihnen, denn nur selten kamen Ranchar zu ihnen, noch seltener wagte sich ein Mensch in die Wälder.
Erst durch die Ankunft der Almári in Orvolor wurden die Beziehungen der beiden Rassen ein wenig vertieft, ja Alvando, einer der Söhne Almarions, schloss sogar ein Bündnis mit der Rancharkönigin Xularache.
Wenngleich der Handel dadurch ein wenig zunahm, blieben Menschen und Ranchar größtenteils unter sich. Denn die meisten Sterblichen fürchteten die Ranchar aufgrund ihrer unheimlichen Gestalt, während die Ranchar den Geruch menschlicher Angst nicht ausstehen konnten. Sie unterhielten sich nämlich nicht über Stimmen miteinander, sondern durch Gerüche.
Nun kam es, dass eine Frau vom Volke der Almári namens Korella mit Alvando in die Wälder gekommen war. Anders als die meisten störte sie sich nicht am Äußeren der Ranchar. Ja, sie blieb sogar bei diesen, als Alvando wieder in die Reiche der Almári zurückkehrte.
Eine Weile verbrachte sie in den Wäldern, um die seltsamen Sitten und Bräuche der Ranchar zu beobachten. Varacnia, eine Tochter der Rancharkönigin, diente ihr dabei als Führerin und Gefährtin. Die beiden schlossen schnell Freundschaft und schließlich ließen sie sich gemeinsam in Fisandanon nieder – einer Stadt der Ranchar am Rande des Mondgebirges.
Dort erfuhr Korella manches über die sagenumwobene Seide der Ranchar. Hauchdünn und weich wie ein Faden wurde sie zum Weben von Kleidung verwendet, konnte jedoch durch die richtige Verarbeitung die Härte und Stärke von Stahl erlangen. So war diese Seide auch der Grundstein all der großen Bauten, für die die Ranchar berühmt waren. Auch in der Stadt, in der Korella nun verweilte, gab es ein derartiges Bauwerk. Dort ragten nämlich zwei gewaltige Halbbögen wie steinerne Hörner aus der Seite eines Berges hervor. Diesen Hörnern verdankte die Stadt auch ihren Namen. Fisandanon bedeutet nämlich »Seidenhorn« in der Sprache der Gelehrten.
Bei all ihrem Geschick und ihrer Handwerkskunst gab es jedoch auch Dinge, die die Ranchar nicht kannten. Korella bemerkte etwa, dass die spinnenhaften Geschöpfe sich im Kampf zumeist auf Schwerter und Speere verließen, aber keinerlei Bögen verwendeten. So war es nun an ihr, sie diese Kunst zu lehren. Aus dem Holz eines Baumes, der nur in den Wäldern um Fisandanon wuchs, und ihrer eigenen Seide fertigten die Ranchar bald Bögen an, die an Reichweite und Durchschlagskraft unübertroffen waren.
Währenddessen behandelten sie Korella – nicht zuletzt dieser Errungenschaft wegen – immer mehr wie eine der ihren. Nur selten begab sich diese noch in die Lande der Menschen, mit denen sie außer ihrer Herkunft kaum noch etwas verband.
Auch zog sie mit den Ranchar in den Krieg, als diese den Almári zu Hilfe kamen. Dort erwarb sie sich durch ihr unvergleichliches Können unsterblichen Ruhm und wurde als die Bogenschützin von Fisandanon bekannt. Als Varacnia in eben diesem Krieg den Tod ihrer Mutter rächte, war Korella an ihrer Seite und brachte mit ihren Pfeilen sogar einen der gewaltigen Dunkeldrachen zu Fall.

In den folgenden Jahren trennten sich Varacnia und Korella voneinander. Während die Rancha den Thron ihrer gefallenen Mutter bestieg um über deren Reich zu herrschen, blieb die Menschenfrau in Fisandanon, hatte sie dort doch über die Jahre viele Freunde gefunden. Die Freundschaft der beiden blieb jedoch bestehen. So sandte Varacnia dann auch ihre elf Söhne zu ihrer Freundin, auf dass sie von dieser lernten.
Als dann die Morgenlose Dunkelheit über die Welt kam und immer mehr Mursogi und andere Diener des Herrn der Finsternis von Norden her in die Wälder eindrangen, war es vor allem die Bogenschützin von Fisandanon, die ihnen Einhalt gebot. Mit Varacnias Söhnen schlug sie die Eindringlinge wieder und wieder zurück. Dabei geschah es jedoch eines Tages, dass sie in einen Hinterhalt geriet. Während sie selbst mit heiler Haut davon kam, wurden drei von Varacnias Söhnen schwer verletzt.
Dies war ein harter Schlag für Korella. Beinahe mütterliche Liebe empfand sie für die Kinder ihrer Freundin. Umso größer war nun ihr Schuldgefühl. Doch die Königin machte ihr dies nicht zum Vorwurf. Wohl aber nahm sie es zum Anlass, die Hilfe der Almári zu ersuchen, um der Bedrohung aus dem Norden ein Ende zu machen. So kam es, dass Menschen und Ranchar gemeinsam in jene sagenhafte Schlacht am Berg Umcalorion zogen, mit der die Herrschaft des Herrn der Finsternis ein Ende finden sollte.
Korella jedoch war nicht an dieser Schlacht beteiligt, denn sie sah es als ihre Pflicht an, in Fisandanon an den Krankenbetten ihrer Schützlinge zu wachen. So war sie auch dort zugegen, als Mursogi von Süden her in das Reich der Ranchar eindrangen, um zu plündern und zu brandschatzen. Niemand vermochte ihnen Einhalt zu gebieten, denn nur die Kranken und Schwachen waren zurückgeblieben.
So kam es, dass die Mursogi schließlich gar vor Fisandanon standen. Dort leistete Korella mit einigen wenigen von den seidenen Hörnern über der Stadt aus Widerstand. Nicht weniger als hundert Feinde soll sie an diesem Tag mit ihren Pfeilen erlegt haben, ehe sie selbst den Tod fand und in die Tiefe stürzte. Durch ihren Heldenmut eingeschüchtert zogen sich die Mursogi jedoch zurück, sodass die verbliebenen Ranchar gerettet wurden.
Wenngleich Korella unter den Menschen fast vergessen ist, wird sie bei den Ranchar in höchsten Ehren gehalten und nicht selten neben deren größten Helden erwähnt. So zieren Name und Abbild der Bogenschützin von Fisandanon manch eine der Steintafeln, die von diesen seltsamen Geschöpfen hinterlassen wurden.

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