Chronik

Die Fleischwerdung der Götter

Mosuryu erklärte Lirinella, dass die Mi Sarucho in ihrer derzeitigen Gestalt nicht siegreich sein würden. Die Übel verfügten über feste Körper, die sich aus den Urstoffen des Alls zusammensetzten, was sie gleichermaßen mächtig und angreifbar machte. Hatten die Mi Sarucho bisher alles allein durch die Kraft ihrer Gedanken zu lenken vermocht, würden sie sich nun selbst in eine greifbare Gestalt hüllen müssen, um diese Gefahr bannen zu können.
Dies war der erste Rat, den Mosuryu Lirinella gab. So war auch sie es, die von allen Mi Sarucho als erste eine körperliche Gestalt annahm. Gewaltig war sie und zierlich zugleich, von so großer Kraft und Schönheit, dass selbst Mosuryu bezaubert von ihrem Anblick war.
In dieser Gestalt lernte sie dann, wie sie ihre angeborenen Fähigkeiten, die sie bisher nur zur Erschaffung und Gestaltung von Dingen eingesetzt hatte, auch zur Zerstörung derselben verwenden konnte. Manche behaupten, Mosuryu hätte dadurch, dass es Lirinella den Kampf und die Zerstörung lehrte, ein größeres Übel über diese Welt gebracht, als Chelnaxu und Olomru es gemeinsam jemals hätten vollbringen können.
Doch Lirinella war zunächst nur erstaunt darüber, was sie mit ihrem neuen Körper vollbringen konnte. Mosuryu warnte sie jedoch, dass diese fleischliche Gestalt auch Nachteile hatte, da sie untrennbar mit ihrem Geist verbunden war. Jede Wunde, die sie am Körper erlitt, würde auch Spuren an ihrer Seele hinterlassen.

Alsbald nahm Lirinella vorerst Abschied von ihrem Lehrmeister, um das, was sie erfahren hatte, an die ihren weiterzugeben. Zunächst jedoch genoss sie die Vorzüge ihrer neuen Gestalt. Umso stärker erschienen ihr all ihre Empfindungen, mit denen ihr Körper die Welt wahrnahm. Zum ersten Mal wurde sie der Kälte des Eises gewahr und der Wärme des Sonnenlichtes. In Mosuryus Höhle war es finster und nebelig gewesen, doch nun bestürmten tausende neue Eindrücke ihre Sinne.
All das gefiel Lirinella so gut, dass sie ihre Gestalt behielt, als sie sich schließlich zu den Mi Sarucho aufmachte. Langsamer war sie dadurch als zuvor, doch hatte sie keine Eile, gab es doch auf dem Weg so viele neue Gefühle zu entdecken.
Die Mi Sarucho waren überaus erleichtert, Lirinella wiederzusehen, denn sie hatten sich bereits große Sorgen gemacht. Schließlich war die Dimisor im Südosten spurlos verschwunden und nicht wenige hatten damit gerechnet, sie wäre ein Opfer Chelnaxus geworden und zu Eis erstarrt, wie viele andere vor ihr.
Umso überraschter waren sie nun, als sie jene wundersame Gestalt erblickten, in der sie zwar Lirinellas Geist und Schönheit erkannten, die sie jedoch auch in gewisser Weise an die der Übel erinnerte. Großes Staunen und Bewunderung machte die Runde, beim geringsten ebenso wie bei den großen Ranvári.
Als Lirinella dann erzählt hatte, was ihr widerfahren war, gab es manche, die sich sogleich auf die Suche nach Mosuryu machen wollten; die einen, um von ihm zu lernen, die anderen – allen voran Gileiro und Tranachor – um das Übel aus seinem Versteck zu jagen. Doch Lirinella erinnerte sich ihres Schwures.
Nachdem sie den Ranvári von dem Versprechen erzählt hatte, das sie Mosuryu gegeben hatte, waren diese freilich nicht besonders glücklich darüber, zeigten jedoch Verständnis. Das gegebene Wort war ihnen damals noch heilig und sie kannten keinen Meineid.
So war es dann an Lirinella, die Lehren Mosuryus zu verbreiten. Und die Mi Sarucho nahmen zum allerersten Mal Gestalt in der Welt des Seins an. Mehr noch als zuvor verbanden sie ihr Schicksal dadurch mit jenem der Schöpfung. Manch einer fand so großen Gefallen an dieser Gestalt, dass er sie bis zum heutigen Tage nicht mehr aufgab. Andere wurden so sehr eins mit ihr, dass ihnen das nicht einmal gelungen wäre, wenn sie es gewollt hätten.
Andere wiederrum – allen voran die beiden Brüder Tranachor und Gileiro – gefielen sich darin, blitzschnell von einer Gestalt in die andere zu wechseln. Diese beiden Dimisori waren es auch, die am begierigsten alles aufnahmen, was Lirinella an sie weitergab. Denn sie brannten darauf, die Übel herauszufordern und niederzuringen. Insgeheim sannen sie auch zu dieser Zeit schon danach, sich Mosuryus zu entledigen. Denn trotz seiner Hilfe trauten sie ihm nicht und seine Anwesenheit in dieser Welt war ihnen ein ebenso großer Dorn im Auge wie die Olomrus und Chelnaxus.
Auf diese Weise wurden die Mi Sarucho nun also Fleisch. Ihre Gestalten waren so mannigfaltig wie ihre Gesinnungen. Manche glichen einander so sehr, dass man sie nicht auseinanderhalten konnte. Andere waren so einzigartig, dass es keinem der anderen gelungen wäre, sie nachzuahmen.
Zugleich lernten sie, die Kräfte, die ihnen inne wohnten, gegen ihre Feinde einzusetzen. Einzig Voréos gelang es nicht, die ihm eigene Macht der Finsternis in eine Bahn zu lenken, die der Vernichtung diente. Ihm blieb allein die Kraft des Körpers, den er sich geschaffen hatte, sowie die Fähigkeit, sich in bedingtem Maße der Urstoffe der vier jüngeren Ranvári zu bedienen. Wie alle anderen war jedoch auch er bestrebt, dem Treiben der Übel Einhalt zu gebieten.

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