Chronik

Die Geburtsstunde des Lebens

Unverzüglich entsandten die Ranvári also Ravéla, die schnellste der Dimisori, um nach einer Welt zu suchen, die der Verwirklichung ihres Traumes dienlich gewesen wäre. Diese durcheilte lange die unermesslichen Weiten des Alls, doch kaum eine der unzähligen Welten, die sie auf ihrem Weg sah, schien den Ansprüchen derer zu genügen, die sie entsandt hatten. Stets fand die Dimisor irgendeine Kleinigkeit, die missfiel. Sie sah bald selbst ein, dass sie auf diese Weise niemals fündig werden würde und dass die Welt, die sie suchte, nicht vollkommen sein, sondern werden sollte. Daher wählte sie scheinbar zufällig eine Welt in den Tiefen des Raumes.
Eine öde Welt war es, nichts weiter als eine Kugel aus Fels und Eis. Ihr Herz war einst heiß gewesen, wie das der meisten Welten, doch die Flamme war schon vor ewigen Zeiten verloschen, sodass es nun ebenso gefroren war wie die Oberfläche. Eine dünne Hülle von Gasen – Luft ebenso, wie giftigen Dämpfen – umgab sie, während sie in einer ausladenden Bahn, weder zu nah, noch zu fern um einen milden Stern kreiste.
Vielleicht war es tatsächlich der Zufall, vielleicht aber auch das Schicksal, dass Ravéla die Ranvári schließlich von dieser scheinbar so gewöhnlichen Welt unterrichtete. Jedenfalls versammelten sich diese alsbald mit vielen aus ihrem Gefolge über dieser Welt. Die Dimisori waren ebenfalls vollzählige erschienen – sogar Cilmalan, denn die Kunde, die Ranvári hätten Großes vor, hatte seine Neugier geweckt. Immer noch strömten mehr und mehr Mi Sarucho aus den umliegenden Gefilden herbei, begierig zu sehen, was geschehen würde. Wie bunte Sterne bevölkerten sie den Himmel über dieser Welt.
Als Lauréa dann ihren Traum mit allen Anwesenden teilte, sprach sie von der Erschaffung der Perle Enus, die alle anderen Wunder der Schöpfung in den Schatten stellen würde.
Dieses Vorhaben erschien den Versammelten so großartig, dass sie alle ohne Unterschied daran teilhaben wollten. Sodann stiegen die Mi Sarucho auf diese Welt hinab, die von den Menschen späterer Zeitalter Sarucho oder die Welt, die Erde oder einfach die Heimat genannt wurde.
Derart war die Gestalt der Erde nun zu dieser Zeit, als die Götter sich ihrer annahmen: Ein einzelnes, kahles Land von gewaltiger Ausdehnung nahm die Hälfte ihrer Oberfläche ein. Vom hohen Norden erschreckte es sich bis weit in den tiefen Süden hinein. Im Norden war es zerklüftet und von tausenden, losen spitzen Felsen jeder Größe und Gestalt bedeckt, während die Mitte von einer weitläufigen, flachen Ebene eingenommen wurde, die von einem See aus immerwährendem, kalten Nebel bedeckt wurde. Bis in den tiefsten Süden reichte dieses Land nicht, doch hatten sich dort gewaltige Eisberge aufgetürmt, die selbst den höchsten Berg Saruchos überragten. Dieses Land wurde später Yurtria genannt und aus ihm entstanden alle anderen Lande.
Ein Ozean von ewigem Eis umgab Yurtria und dort wo Meer und Land aufeinandertrafen, hatten sich himmelhohe Klippen aus Fels und gefrorenem Wasser gebildet. Die Luft, die Sarucho umgab war kalt und rau, erfüllt von allerlei giftigen Dämpfen, die jedes Leben unmöglich gemacht hätten, das nicht von göttlichem Ursprung war.
Ebenso unwirtlich wie sie war, erschien diese Welt den Mi Sarucho auch. Und doch war sie bei weitem gastlicher als manch andere Welt, die sie bereits kennengelernt hatten.
Zunächst war Sarucho also reglos und gefroren. Wenngleich sie in einer beständigen Bahn um die Sonne wanderte, wandte sie dieser doch immer nur dieselbe Seite zu, sodass eine Hälfte stets im Schatten lag, während die andere zwar von Licht erfüllt war, dieses jedoch selbst dort nicht stark genug war, um das Eis zu schmelzen. Yurtria lag auf der Schattenseite dieser Weltkugel, im Zwielicht der Sterne. Dorthin zog es die Mi Sarucho. Sie landeten auf einer Ebene nördlich der undurchdringlichen Nebel der Mitte, jedoch südlich der großen Trümmerfelder des Nordens. Liten Ayonas wurde diese Ebene später genannt – die »Wiege des Leben«, nach dem Wunder, das die Ranvári dort vollbrachten.
Zunächst erhob sich Nelaro. Er ließ auf der ganzen Welt gewaltige Stürme toben, um die Luft von allem Gift und allem anderen, was schädlich war, zu befreien. Währenddessen suchten Olion und Atia die nahe Küste auf. Der Herr des Feuers schwang seinen gewaltigen Hammer und brach einen großen Eisblock aus dem Meer. Alsbald umhüllte er diesen mit Feuer, sodass das Eis schmolz und zu Wasser wurde, welches Atia besser bearbeiten konnte. Diese Wässer zwang sie in eine große Flutwelle, mit der sie den Boden von Liten Ayonas reinwusch.
Als dann Erde und Luft gereinigt waren, grub Lauréa ein weites und tiefes Talbecken in das harte Gestein, aus dem Sarucho bestand. Dann nahm sie einige große Felsen von den Trümmerfeldern des hohen Nordens und formte daraus mit der Hilfe Atias weiche, fruchtbare Erde, mit der sie das entstandene Becken sogleich bis über dessen schroffe Ränder auffüllte.
An diesem Ort nun, unter dem finsteren Sternenhimmel Yurtrias begann Lauréa, ihren lang gehegten Traum zu verwirklichen. Aus ihrem Schoß gebar sie das Leben. Kleine, zierliche Pflanzen waren es zunächst, anspruchslos und kaum mit denen zu vergleichen, die heute die Erde überwuchern. Doch das Staunen der anderen Mi Sarucho war groß, denn wenn das All auch voller Wunder war, hatten sie nie zuvor etwas gesehen, das aus eigener Kraft zu überleben vermochte. Sie lobten Lauréa und priesen sie als die wahre Tochter des Schöpfers. Umso größer war ihre Freude jedoch, da sie wussten, dass dies nur der Anfang und ein Vorgeschmack dessen war, was noch kommen würde.
Mehr als alle anderen liebte die Dimisor Vuna diese Pflanzen. Von dem Augenblick an, da sie sanft über die feinen Wurzeln strich, band sie ihr Schicksal an das der belebten Erde. So wurde sie zur Schutzherrin der Pflanzen, ebenso wie zu deren Amme, denn sie pflegte sie und hegte sie, wie als wären sie ihrem eigenen Schoß entsprungen.
Lauréa bat Atia um Wasser, denn dieses war die Nahrung, die die ersten Pflanzen am Leben erhalten würde. Sogleich eilte Atia also erneut mit Olion zur Küste, wo der Herr der Flammen einen weiteren Eisblock aus dem gefrorenen Ozean brach, um ihn mit seiner Urkraft zu schmelzen. Diesmal jedoch wagte es Atia nicht, eine Flutwelle über das Land zu treiben. Zu zerbrechlich und schwach erschienen ihr das Leben in seiner Geburtsstunde, als dass es der ungestüme Stärke einer solchen Naturgewalt widerstehen hätten können.
Also bat sie Nelaro um Rat, der ihr sogleich mit seinem Dimisor Motrox zu Hilfe eilte. Die beiden erschufen eine große Wolke, die Atia mit all dem Wasser belud, das Olion aus dem Eis abgerungen hatte. Diese dunkle und schwere Wolke trieben sie auf sanften Winden zur Ebene von Liten Ayonas, wo sie sie dann nach und nach beständig von ihrer Last befreiten. Zum ersten Mal benetzte Regen die trockene Erde Saruchos.
Unter Vunas Obhut sogen die Pflanzen gierig das Nass auf und beinahe schien es den Mi Sarucho, sie würden sich darüber freuen, denn ein schwacher Glanz erfüllte die feuchten Wurzeln.
Nun waren die Mi Sarucho höchst erfreut über das Leben, das sich im Schutze der Dunkelheit gemächlich über die ganze Ebene von Liten Ayonas ausbreitete. Manche waren jedoch der Ansicht, die Pflanzen würden erst im Licht der Sonne ihre wahre Pracht entfalten. Diese Überlegungen, die die Erzeugerin Lauréa weder zu widerlegen, noch zu bestärken wagte, erhitzten die Gemüter der Mi Sarucho so sehr, dass Voréos, der Herr der Finsternis, und Enéra, die Herrin des Lichtes, miteinander Rat hielten. Denn es gab jene, die forderten, man müsse Sarucho umdrehen, sodass die gesamte Fläche Yurtrias in das Licht der Sonne getaucht würde. Andere fürchteten dagegen, das allzu helle Licht könnte dem in der Dunkelheit unter dem Sternenlicht geborenen Leben eher schaden, als dass es ihm nützen würde.
Die beiden ältesten der Ranvári erwogen sorgfältig alle Begründungen und einigten sich schließlich, wie sooft, auf einen Mittelweg. Da sie die Welt weder ewigem Licht aussetzen, noch die Dunkelheit in ihrer Gesamtheit verbannen wollten, entschieden sie sich dafür, dass beiden ein gewisser Zeitraum zugestanden werden sollte. Am Anfang ihres Daseins hätte Enéra dem wohl nie zugestimmt und Voréos wäre ihrem Urteil bedingungslos gewichen, doch waren die beiden älter geworden und sehr viel weiser. Zudem waren sie durch ihre gemeinsame Liebe zu Narku Selóar und zur Dämmerung enger miteinander verbunden als mit allen anderen Wesen dieser Schöpfung.
So entschlossen sie sich, die Welt in eine langsame, aber beständige Drehung zu versetzen, sodass jeder ihrer Teile abwechselnd sowohl am Licht der Sonne, als auch an der Finsternis teilhaben konnte. Auf diese Weise kamen der Tag und die Nacht Saruchos ins Sein.
Am Anfang war beides jeweils gleich lang und durch eine ebenso lange Dämmerung miteinander verbunden. Doch weder war damals der Tag so hell wie heute, noch die Nacht so dunkel, denn zu allen Zeiten waren neben der Sonne auch die Sterne am Himmel sehen, während die Dinge selbst des Nachts in deren zartem Schimmer lange Schatten warfen.

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