Dorf der Mursogi

Die Mähne des Löwen

Tief in den Wäldern des Südens gab es eine große Lichtung. Liebliche Weiher lagen inmitten sanfter, von allerlei duftenden Gräsern und Kräutern bewachsener Hügel. Zu jeder Zeit des Jahres waren die Wiesen von einer Vielzahl bunter Blumen jeglicher Farbe und Gestalt überschwemmt. Kleine, weiße Blüten blitzten wie Abbilder der Sterne am Abendhimmel aus dem Grün des Grases hervor. Dazwischen erhoben sich große, rote Blumen, fast als wollten sie der Sonne ihren Platz am Himmel streitig machen. Bläuliche säumten die Ufer der Weiher, deren Oberflächen von Seerosen aller Art überwuchert wurden.
Die Göttin Vuna liebte diesen Ort, wie sie alle Pflanzen liebte, deren Amme sie in der Vorzeit gewesen war. Hierhin zog sie sich oft zurück, wenn sie des geschäftigen Treibens im Reich der Götter müde wurde und sich nach Ruhe sehnte. Hier ließ sie sich dann ins Gras fallen um zu schlafen. Oder aber sie badete in einem der Weiher und erhob dabei ihre liebliche Stimme zu fröhlichem Gesang. Dann kamen Vögel herbei um mit ihr zu singen und Bienen begleiteten sie mit ihrem Surren, während sich Schmetterlinge auf ihrem Haar niederließen.

Alle Geschöpfe, die in den angrenzenden Wäldern lebten, ehrten diesen Ort und betraten ihn nur mit äußerster Vorsicht, um keine Blumen umzuknicken, wussten sie doch, von welch großem Wert jede einzelne von diesen für Vuna war. Eines Tages jedoch kam von Fern ein Löwe in diese Gefilde. Prächtig war er anzusehen mit seiner gewaltigen goldenen Mähne, seine schneeweißen Reißzähnen und seinen riesigen Fängen. An Größe und Kraft übertraf er alle anderen Tiere des Waldes und dessen war er sich wohl bewusst. Über die Jahre hinweg war er hochmütig geworden und allzu kühn.
Als er nun den Rand von Vunas Lichtung erreichte, näherte sich ihm ein schillernder Elfenvogel. »Sei willkommen, Fremder!«, zwitscherte dieser. »Jener Ort, an dem du dich befindest, steht unter dem Schutz der Göttin Vuna, die alle Pflanzen liebt. Komm und ruh dich aus, wenn du willst. Aber gib Acht, dass du keine der Blüten zertrittst!«
Doch der Löwe spottete der Warnung. Mit einem mächtigen Brüllen verscheuchte er den Elfenvogel. Dann betrat er die Lichtung und fand sofort Gefallen daran. So großen Gefallen, dass er den Ort für sich haben wollte. Knurrend und fauchend vertrieb er all die anderen Tiere, zertrampelte dabei die Blumen, riss Gräser aus und wühlte das ruhige Wasser der Weiher auf.
Danach ließ er sich auf dem höchsten der sanften Hügel nieder und verkündete laut: »Dies soll mein Reich sein!«
Mal um Mal kam der Elfenvogel zu ihm und bat den Löwen, er möge Vernunft walten lassen, sein Unrecht wieder gut machen und von dannen ziehen. Mal um Mal verlachte jener dessen Warnungen.

Eines Tages kehrte Vuna dann an ihren Ruheort zurück. Schon von weitem wunderte sie sich, dass sie weder das Zwitschern der Vögel, noch das Summen der Bienen vernehmen konnte. Auch der Lufthauch, der stets die mannigfaltigen Gerüche der Wiese mit sich gebracht hatte, hatte sich verändert. Obwohl sich die Göttin sehr darüber wunderte, ahnte sie dennoch nichts Böses.
Als sie dann aber ihre Lichtung sah, erstarrte sie vor Schreck. All die Blumen, die sie wie ihre Kinder gehegt und gepflegt hatte, lagen darnieder. Die Weiher, in denen sie zu baden pflegte, waren schlammig und trüb. Auf dem Hügel, auf dem sie so oft geruht hatte, lag nun ein großes Tier.
Doch die Starre währte nur einen Lidschlag. Dann wandte sie sich dem Löwen zu. »Ist dies dein Werk?«, fragte sie ihn mit bebender Stimme.
Der Löwe erkannte wohl, dass er es mit einem Wesen von göttlichem Ursprung zu tun hatte, doch war bereits so verblendet von seiner eigenen Kraft, dass ihn dies nicht kümmerte. »Dies ist mein Reich«, sagte er. »In meinem Reich kann ich walten, wie es mir beliebt.«
»Dieses Land ist niemandes Reich«, erwiderte Vuna. »Allen gehört es, solange der Frieden gewahrt bleibt. Du jedoch hast diesen Frieden zerstört. Was hast du zu deiner Verteidigung zu sagen?«
»Nicht werde ich mich vor dir rechtfertigen, wer immer du bist«, sagte der Löwe knurrend. »Auch du sollst meinem Willen weichen.« Damit hob er seine mächtige Pranke und schlug nach ihr.
Vuna wich dem Hieb mit Leichtigkeit aus. »Verspürst du keine Reue?«, sagte sie bedauernd. »Nun denn: Werde ein Teil dieses Reiches, das du so sehr begehrst!«
Fast zärtlich hob sie eine der abgebrochenen Blumen auf und hauchte sie von ihrer Handfläche in Richtung des Löwen. Dieser schnappte mit seinen beeindruckenden Reißzähnen danach, doch erhaschte er sie nicht, denn seine Reißzähne waren nicht mehr. Verwirrt versuchte er daraufhin, erneut mit seinen Klauen nach der Göttin zu schlagen, doch er hatte auch keine Klauen mehr.
Da erst bekam er es mit der Angst zu tun. Als er jedoch sein Heil in der Flucht suchen wollte, verweigerten seine Beine ihm den Dienst. Fest hafteten sie am Boden, wie die Wurzeln einer Pflanze. Zuletzt verlor er seine stattliche Größe und schrumpfte zusammen.
So wurde der Löwe, der die Blumen Vunas zertrampelt hatte, selbst zur Blume. Von seinem früheren Antlitz blieb ihm nur die gelbliche Mähne. Die Menschen späterer Zeitalter nannten diese Blume im Gedenken an ihre Herkunft und ihres Aussehens wegen Löwenmähne oder Löwenzahn.

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