Chronik

Die Mukori

Während sich die übrigen Mi Sarucho nun in ihren neu erworbenen Kräften übten, um sich auf den Kampf gegen die Übel vorzubereiten, kehrte Lirinella auf Wunsch der Ranvári noch einmal zu Mosuryu zurück – um diesem ihren Dank auszusprechen, sowie letzte Ratschläge einzuholen. Misstrauen den ihren gegenüber war den Mi Sarucho zu dieser Zeit fremd, so hielt es niemand für nötig, Lirinella im Auge zu behalten.
Dennoch folgte Tranachor ihr heimlich – nicht um ihretwillen, sondern um Mosuryus Aufenthaltsort herauszufinden. Und er fand jene Insel im Südosten, die von Nebeln umrankt war, und er sah, wie Lirinella mit dem Übel sprach. Noch behielt er dieses Wissen für sich, als er zu den anderen zurückkehrte, doch hatte er im Sinn es schon bald mit seinem Bruder Gileiro zu teilen, um Jagd auf das Übel der Mitte zu machen.
Mosuryu hatte indessen tatsächlich einige letzte Ratschläge, denn es kannte die Schwächen der anderen beiden Übel genau. Einzig hatte es bisher nicht die Möglichkeiten gehabt, diese auszunutzen.
»Das Wesen des Nordens hasst nichts mehr als das Eis und die Kälte seines Gegenspielers«, erklärte es. »Das Wesen des Südens hingegen ist empfindlich gegen Feuer und Wärme. Dies nimmt ihm all seine Kraft und Tücke. Beide Wesen verachten das Licht, das sie in ihrer Ruhe stört.«
Lirinella erkannte, dass diese wertvollen Ratschläge den bevorstehenden Kampf in der Tat um einiges erleichtern würden. Sie dankte also ihrem Lehrmeister, doch bevor sie sich auf den Weg machen konnte, überreichte Mosuryu ihr ein Geschenk. Es nahm zwei lange, spitze Steine, die auf dem Boden seiner Höhle lagen und erfüllte sie mit seiner Kraft. »Damit sollt ihr Olomru und Chelnaxu durchbohren, habt ihr sie erst einmal geschwächt. Nicht anders könnt ihr ihnen für alle Zeiten ein Ende bereiten…«
Als Lirinella diese Steine an sich nahm, erschauderte sie. Ein Gefühl, das sie lange nicht mehr verspürt hatte, überkam sie. Es war dasselbe, das sich ihrer bemächtigt hatte, als sie in die Weiten des Nichts am Rande der Schöpfung geblickt hatte. Unbemerkt erwachte etwas in ihr. Sie drehte sich nach ihrem Lehrmeister um, um noch eine Frage zu stellen, doch dieser war bereits in den dichtesten Nebeln verschwunden.
So kehrte Lirinella dann mit diesen beiden Geschenken, die später Mukori genannt werden sollten, zum Umcalorion zurück, wo die Ranvári bereits gespannt auf sie warteten. Kaum war sie dann eingetroffen, wurde auch schon überlegt, wie man die Schwächen der Feinde bestmöglich nutzen konnte.
Die Mukori ließ sie zunächst unerwähnt. Etwas sträubte sich in ihr. Sie fühlte das Böse, das von diesen Steinen ausging, und so wollte nicht, dass die anderen Mi Sarucho damit in Berührung kamen. Auch sie selbst hätte sich wohl gerne so schnell wie möglich von diesen Gegenständen getrennt, zugleich wollte sie diese aber nicht aus den Augen lassen, aus Furcht, sie könnten plötzlich verschwinden.
Die Ranvári bemerkten nichts davon. Stattdessen gaben sie nun einstweilen ihre körperliche Gestalt auf, um in den Himmel empor zu steigen und das Schlachtfeld, auf dem sie gegen die Übel kämpfen würden, zu ihren Gunsten zu verändern. So hoch eilten sie, dass sie Sarucho hinter sich ließen. Als sie dann über der Welt im All schwebten, ergriffen sie diese und zogen sie hinter sich her. So wurde die Welt aus ihrer Umlaufbahn gerissen und in eine neue gedrängt, die der Sonne sehr viel näher war.
Ganz in der Nähe gab es bereits eine andere, ein wenig kleinere Welt. Kahl war sie – mehr noch als Sarucho es am Anfang gewesen war. Von der unerwarteten Gegenwart Saruchos angezogen, näherte sie sich dieser, um von da an als ihre Schwesterwelt das All zu bereisen. Yamon würde sie genannt.
Verwundert beobachteten jene, die auf der Erde Saruchos zurückgeblieben waren, wie Yamon am Himmel erschien. Zugleich bemerkten sie, dass die Luft um sie herum durch die Nähe zur Sonne merklich wärmer geworden war. Und siehe da: Die gewaltigen Gebirge aus Eis, die Yurtria umgaben, begannen zu schmelzen. Überall tropfte es und plätscherte es. Bäche aus reinstem Wasser schossen die eisigen Höhen hinab in tiefe Täler. All dies ging freilich sehr langsam von statten. Während sich um die Mitte Saruchos ein breiter Gürtel aus flüssigem Wasser bildete, in dem riesige Eisberge umhertrieben, blieb ein Großteil der Meere jedoch weiterhin gefroren.
Diese seltsame Veränderung ihrer Umwelt blieb auch den Übeln nicht verborgen. Während Olomru sich in der neuen, wärmeren Welt wohler als zuvor fühlte, kümmerte sich Chelnaxu kam darum, erstickte es die Wärme um sich herum doch sogleich mit seiner alles verschlingenden Kälte. So kam es, dass das Eis im Umkreis seiner Höhle nicht schmolz und bis zum heutigen Tage die Länder im äußersten Süden von einer immerwährenden Schicht aus Eis und Schnee bedeckt sind.

Nun, da alle nötigen Vorbereitungen getroffen worden waren, war für die Ranvári die Zeit gekommen, gegen ihre Feinde in den Kampf zu ziehen. Alle Mi Sarucho, die sich an der Schlacht beteiligen wollten, hatten sich bereits an den Hängen des Umcalorion versammelt, als Lirinella schließlich doch vor Voréos und Enéra trat und ihnen die beiden Mukori überreichte.
Enéra wich zurück, erkannte sie doch, welch verkommene Macht diesen Steinen innewohnte, Voréos dagegen ergriff sie, hatte er die Kraft des Nichts doch niemals gefürchtet. Wohl aber sah er ebenso wie seine Schwester das Böse, das sie anzurichten im Standen waren.
Nun waren es die jüngeren der Ranvári, die ihre älteren Geschwister rügten. »Mit allzu großer Vorsicht werden wir diese Übel nicht niederzuwerfen vermögen«, führte Nelaro eine hitzige Rede. »Nun wurde uns eine große Macht anvertraut. Wären wir nicht Narren, würden wir sie ungenutzt lassen?«
Da Atia, Lauréa und Olion ihm zustimmten, fügte sich Voréos schweren Herzens ihrem Urteil. So vertraute er einen der Steine Atia, den anderen Lauréa an, da er diese beiden für die besonneneren hielt. Lauréa jedoch weigerte sich, eine derartige Waffe zu tragen, sodass der zweite Mukor an Olion fiel.
»Nicht leichtfertig sollt auf ihr diese Macht vertrauen«, riet Voréos den beiden zum Abschied. »Nur in äußerster Not mögt ihr sie entfesseln. Lasst nicht zu, dass sie euch verschlingt!«
Allzu düster erschienen den Ranvári seine Worte, doch brannten sie bereits zu sehr auf den Kampf, als dass sie ihnen übermäßig Beachtung geschenkt hätten.

Nun endlich war es an der Zeit, loszuziehen. Dabei teilten sich die Ranvári auf. Sie hatten nämlich vor, beide Übel zur selben Zeit anzugreifen, um sie von einander fernzuhalten – für den unwahrscheinlichen, aber denkbaren Fall, dass sich Olomru und Chelnaxu gegen einen gemeinsamen Feind verbünden würden.
Die Stärken und Schwächen ihrer Widersacher vor Augen wandten sich Olion, Lauréa und Enéra gen Süden. Olion hüllte sich in eine gewaltige, feurige Gestalt mit hunderten Armen und tausenden glühenden Augen, der – von der lodernde Kraft der Sonne umgeben – kein Eis standhielt. Fürchterlich war er anzusehen, groß wie ein Berg und die Erde erzitterte unter seinen Schritten. Der Mukor saß auf seiner Stirn.
Ein wenig kleiner nur, doch nicht minder beeindruckend war die Gestalt Lauréas, die sich mit den Gebeinen der Erde verbunden hatte, um einen Körper zu erschaffen, der dem Olomrus nicht unähnlich, jedoch ungleich prächtiger war. Unzerbrechliche Felsen türmten sich über ihr auf, während bei jeder Bewegung Geröll donnernd von ihrem Rücken fiel. Der Kampf war ihr zwar zuwider, doch hatte sie sehr wohl verstanden, dass es keinen Platz für ihre Schöpfungen geben würde, solange die Übel frei über die Ebenen Yurtrias zu streifen vermochten.
Enéra wählte eine kleinere, leichtere Gestalt, einem dünnen Nebelschleier gleich, der von einem gleißendem Licht erfüllt war, das die Augen eines jeden Sterblichen erblinden hätte lassen. Wie ein winziger, doch umso hellerer Stern schwebte sie zwischen den riesenhaften Ungetümen, in die sich ihre jüngeren Geschwister verwandelt hatten. Mit ihnen zog eine große Schar von Mi Sarucho, unter der Führung der Dimisori.
Während nun also ein feuriges, von Licht erfülltes Heer nach Süden zog, überschritt ein zweites die Berge der Höheren Lüfte. Atia hatte sich in unzählige Schwingen aus gefrorenem Wasser gehüllt. Hauchfein und durchscheinend war ihr Körper an Anmut kaum zu übertreffen und ebenso furchterregend wie schön. Tausendfach brach sich das Licht der Sonne an ihrer Haut und erfüllte sie mit zauberischem Schimmer. Einzig der Mukor, den sie trug, schimmerte nicht.
Nelaro indes zeigte sich als ungestüme, wütende, dunkle Wolke, die vor Blitz und Donner nur so strotzte und auf ihrem Weg mühelos große Felsbrocken durch die Lüfte wirbelte. Ein stürmischer Wind umwehte auch sein zahlreiches Heer.
Voréos blieb mit wenigen am Umcalorion zurück, um das Gelingen des Feldzuges von der Spitze des Berges aus zu überwachen und die Züge seiner Geschwister aufeinander abzustimmen. Es war nicht allein seine Entscheidung gewesen. Denn, wenngleich er Gewalt verachtete, wäre er ohne zu zögern an der Seite der übrigen Ranvári in die Schlacht gezogen. Doch war da immer noch Mosuryu und so dankbar die Ranvári diesem auch für seine Hilfe waren, sie vertrauten ihm nicht, und befürchteten, es könne die Gelegenheit wahrnehmen, um Unheil zu stiften, solange seine Widersacher miteinander beschäftigt waren.

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