Chronik

Die Nebel der Mitte

Als Tranachor und Gileiro Liten Ayonas erreichten, fanden sie dort nur mehr Olomru vor, der inmitten einer verwüsteten Ebene wütete. Entsetzt über seine Größe und unbändige Kraft wagten sie es nicht, an das Übel heranzutreten. Sie sahen die geschundene Gestalt Vunas, die beinahe all ihrer Kraft beraubt worden war. Wenngleich die Furcht vor dem Übel sie fest im Griff hatte, waren die beiden Brüder jedoch nicht bereit, die sterbende Dimisor einfach so zurückzulassen.
Tranachor stellte sich also Olomru entgegen, ohnmächtig wie er war, doch mit dem Mut der Verzweiflung bewaffnet. Einer Fliege gleich umschwirrte er das Übel und brachte es zur Raserei – so sehr, dass es sich für einen Augenblick von Vuna abwandte. Ebendiese Gelegenheit ergriff Gileiro um die Dimisor zu retten. Er nahm sie und trug sie weit fort nach Süden, an den Rand der großen Nebel, die dort Lande und Eismeere bedeckten. Dort fand Tranachor ihn, nachdem er dem Wüten Olomrus gekommen war.
Gemeinsam betteten die beiden Vuna auf einen Hügel. Ihr Geist war zerstört, ihr Wesen kaum noch vorhanden – was zuvor eine vor Leben leuchtende Flamme gewesen war, war nun kaum mehr als ein Funken, der vom leichtesten Windhauch gelöscht werden konnte. Um dies zu verhindern, schichteten die beiden Dimisori einen Ring hoher Felsen um sie auf, dem sie den Namen Neren Vunas gaben.
Da sie nicht wussten, wie sie sich helfen sollten, machten sie sich dann auf die Suche nach den Ranvári. Diese hatten sie während des Angriffes nach Süden geflüchtet, hin zur Mitte Saruchos. Dort jedoch waren sie in den dichten, grauen Nebel geraten, der sie voneinander und von ihrem Gefolge getrennt hatte. Auf sich gestellt und all ihrer Untergebenen beraubt, irrten sie nun in den ungastlichen, trostlosen Landen der Mitte umher.
Diese Nebel nun, deren allgegenwärtige Trübheit selbst die Geister der mächtigsten unter den Mi Sarucho zu verwirren vermochte, wurden von einem Wesen beherrscht, das Olomru in gewisser Weise sehr ähnlich war, sich aber dennoch grundsätzlich von diesem unterschied. Mosuryu hieß dieses Wesen und es war über die Maße gerissen. Im Gegensatz zu Olomru trat es niemals offen in Erscheinung. Wenngleich es wie dieses an einen festen Körper gebunden war, verstand es sich vorzüglich darauf, sich mit Trugwerken und Täuschungen zu umgeben, auf dass es bald so, bald so auszusehen schien. Kaum jemand konnte von sich behaupten, er hätte Mosuryus wahre Gestalt gesehen, denn das Unwesen hüllte sich stets in unzählige Schleier von dichtem Nebel.
Ebenso rätselhaft wie seine Erscheinung waren seine Absichten und seine wahre Macht, die es niemals offenbarte. Es gab jedoch jene, die behaupteten, sie hätte die der anderen Übel bei weitem überstiegen, sodass nur Mosuryus Gegenwart in der Mitte die anderen beiden davon abgehalten hätte, die Welt in ihrem ewigen Kampf auseinanderzureißen.
In den langen Jahren des Schlafes der anderen beiden Übel war Mosuryu in der Welt umgegangen, stets von Nebeln umhüllt, die nichts – weder der Blick Ravélas, als sie diese Welt entdeckt hatte, noch das allessehende Auge Enéras – durchdringen konnte. So waren ihm auch die unzähligen bunten Lichter, die wie Sterne am Himmel geprangt hatten, nicht entgangen, als die Mi Sarucho sich über der Erde versammelt hatten. Niemand weiß zu sagen, was es wohl gedacht haben mag, als die Neuankömmlinge plötzlich auf seine Welt herabgestiegen waren und begonnen hatten, sie zu verändern, denn im Gegensatz zu Olomru hatte es sich zunächst damit begnügt, zu beobachten.
Auch nun, da die Ranvári in sein Reich der Mitte Yurtrias eingedrungen waren, beobachtete es sie nur, ohne dass diese sich seiner Gegenwart bewusst waren. Es erkannte die große Macht, die den höchsten der Mi Sarucho innewohnte, wie es auch erkannte, dass es diese nicht überwinden würde. Dies war wohl auch nie seine Absicht gewesen, meinten manche, denn ebenso belanglos waren ihre Taten für es, wie es in den späteren Zeitaltern die Taten einzelner Menschen in den Augen der Götter zu sein schienen.
Dennoch sah Mosuryu im Erscheinen der Mi Sarucho wohl eine Gelegenheit, sich endgültig der anderen beiden Übel zu entledigen, die ein ständiges Ärgernis für es darstellten. Denn während sie für die Unordnung und gewaltvolle Zerstörung von allem, das war, standen, vertrat Mosuryu die Stille und das Grauen, das ihr zu eigen war.

Mosuryu erschien nun hier und da vor den verstreuten Ranvári und näherte sich ihnen, um ihre Absichten in Erfahrung zu bringen. Da sie sein wahres Gesicht nicht zu erkennen vermochten, hielten sie es für eines der ihren und vertrauten ihm manches Wissen an, das einst den Mi Sarucho vorbehalten gewesen war. Heimlich gelang es ihm schließlich die Ranvári in der Mitte seines Reiches wieder zusammenzuführen. Die Kinder Valenos wunderten sich gar sehr, als sie einander plötzlich auf einer eintönigen Ebene gegenüberstanden.
Locha Varialis wurde dieser Ort der Zusammenkunft später genannt. Da es aber auch einige andere Mi Sarucho dorthin verschlagen hatte, fiel die Gegenwart Mosuryus nicht weiter auf, das sich immer noch als eines der ihren ausgab. In Locha Varialis versuchte das Wesen des Nebels die Mi Sarucho mit schlauen Worten zu umgarnen und dazu zu bringen, gegen Olomru zu Felde zu ziehen. Seine Einflüsterungen stießen dabei in den Herzen der Ranvári auf fruchtbaren Boden, denn die Trauer um die Zerstörung der Pflanzen und die Qualen Vunas entfachte Wut in diesen. Zugleich wurde Mosuryu jedoch der Unbeholfenheit der Ranvári gewahr, sowie ihrer Unfähigkeit, die gewaltigen Kräfte, über die sie verfügten, im Kampf einzusetzen.
Mosuryu, das sehr wohl in den Möglichkeiten des Kampfes bewandert war, versuchte nun heimlich, einzelnen Mi Sarucho Wege nahezulegen, wie sie ihre Kräfte, die bisher nur der Erschaffung und Gestaltung in Erscheinung getreten waren, auch zur Vernichtung von Feinden verwenden konnten.
Obwohl es seine Ränke sehr vorsichtig schmiedete und nur hier und da den Samen einer Andeutung säte, wurde das Misstrauen Enéras geweckt. Die Worte dieses augenscheinlich gewöhnlichen Mi Sarucho, der hier und da auftauchte, schienen zu großen Einfluss auf die Gemüter ihrer Gefährten und Untergebenen zu haben. Sie begann bald, dahinter eine Macht zu sehen, die älter war als die Ordnung und nicht im Einklang mit dem Willen des Schöpfers zu stehen schien.
Zu eben diesem Zeitpunkt trafen nun Tranachor und Gileiro in Locha Varialis ein, um zu berichteten, was sie im Norden und auf der Ebene von Liten Ayonas gesehen hatten, wie sie Vuna gerettet und in Neren Vunas zur Ruhe gebettet hatten. Ihr Bericht machte die anderen Mi Sarucho nur umso empfänglicher für Mosuryus Einflüsterungen, während Enéra dagegen in ihrem Misstrauen bestärkt wurde.
So teilte sie sich schließlich Tranachor mit, dem schlimmsten Feind aller Feinde Enus. Tranachor erkannte die Gefahr, war jedoch nicht gewillt, voreilige Schlüsse zu ziehen. Die beiden beschlossen jedoch, das Wesen und die Absichten Mosuryus auf die Probe zu stellen.
Zu diesem Zweck lockten sie es unter dem Vorwand einer geheimen Beratung zur Bekämpfung Olomrus an einen abgelegenen Ort, tief in den Nebeln jenseits von Locha Varialis. Mosuryu nahm dies als eine Gelegenheit war, auch die Herrin des Lichtes nach seinem Willen zu beeinflussen. Von seiner unerreichten Tücke überzeugt, näherte es sich ihr.
Als die beiden dann scheinbar allein waren – Tranachor lauerte in der Nähe, um die Herrin des Lichtes bei Gefahr zu unterstützen – tauchte Enéra ohne Vorwarnung das ganze Umland in ein gleißendes, alles durchdringendes Licht, das jegliche Wirrnisse verbrannte und siehe da: das Trugbild löste sich auf. Was blieb, war ein verschwommener Körper ähnlich dem Olomrus, doch kleiner, mit neunfach gespaltenem Schweif, umhüllt von Nebel, den nicht einmal das hellste Licht zur Gänze zu durchdringen vermochte.
Enéra erblickte das Antlitz Mosuryus, vermochte es jedoch nicht, dessen Gedanken zu enthüllen. Was sie jedoch sah, war Zwietracht und Hass und sie schauderte davor zurück. Gerade lange genug, dass es Mosuryu gelang, zu entfliehen. Tranachor eilte dem enttarnten Feind sogleich hinterher, schaffte es jedoch nicht, diesen zu fassen. Sein Bruder Gileiro schloss sich ihm auf seinen Ruf hin an, doch auch gemeinsam war ihnen kein Erfolg beschieden. Mosuryu verschwand vom Antlitz Saruchos und nahm seine Nebel mit sich, sodass die Mitte der Welt entblößt wurde.
So wurden die Machenschaften des Übels aufgedeckt, ehe sie Früchte tragen konnten. Von nun an waren die Mi Sarucho auf der Hut.

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