Chronik

Die Ordnung des Seins

Auch die lange Zeit der Wanderung und des Wunderns verging, bis sich die meisten Mi Sarucho dazu entschlossen hatten, endlich Ordnung in das Weltall zu bringen. Sie erinnerten sich all ihrer Träume, die sie in den Ewigen Hallen gehabt hatte und die sie nun endlich zu verwirklichen trachten. Allerdings mussten sie bald feststellen, dass dies in der Welt des Stofflichen nicht so einfach war, wie es in ihren Gedanken gewesen war.
So kam es, dass die Ranvári zwar Dinge aus den Urstoffen des Seins zu gestalten vermochten, diese jedoch im nächsten Augenblick sofort wieder in ihre Einzelteile zerfielen. Was sie ordneten, verwirbelte sogleich wieder und entfloh in die Weiten des Alls. Enu selbst schien sich gegen die Ordnung zu wehren, die man ihr auf aufzuerlegen gedachte.
Für jedes Werk, das scheinbar gelang, misslangen tausende. Nichts war von Bestand, da es nichts gab, was es zusammengehalten hätte. Langsam aber sicher wuchs der Unmut der Mi Sarucho. Bald begannen manche zu zweifeln, ob ihre Entscheidung, die Schöpfung anzunehmen, die richtige gewesen war. Die Sehnsucht nach ihrem einfachen Dasein in den Ewigen Hallen bemächtigte sich nach und nach ihrer Herzen. In manchen wurde sie so groß, dass sie sich sogar auf die Suche nach der verlassenen Heimat machten, jedoch bald einsehen mussten, dass der Weg zurück verschlossen war. Wenngleich unendlich nah, waren die Hallen von den Ebenen der Schöpfung aus nicht erreichbar.
Wesen aus dem Gefolge Nelaros, die für ihre Kühnheit, ebenso wie für ihre Neigung zu vorschnellem Handeln bekannt waren, baten gar ihren Herrn, die Tore der alten Heimat für sie zu öffnen. Wenngleich Nelaro die Freiheit Enus genoss und es ihn keineswegs verlangte, zu seinem Schöpfer zurückzukehren, zeigte er sich seinen Untergebenen gegenüber dennoch gönnerhaft und ließ sich auf deren Bitte ein.
Ungestüm, wie er war, entfesselte der Ranvar einen gewaltigen Sturm im All, in dem Versuch seinem Gefolge einen Weg zu den Ewigen Hallen zu bahnen. Es gelang ihm jedoch nicht, denn die Hallen waren tatsächlich entrückt worden, auf dass sie nicht einmal die Ranvári als mächtigste Wesen der Schöpfung erreichen konnten. Denn dies war Valenos Wille.
Nelaro wurde wütend und verschwendete in seiner Ohnmacht Unmengen von Kraft. Schließlich gab er auf. Jene aber, die ihn gebeten hatten, die Tore zu öffnen, verjagte er und er verbot ihnen, jemals wieder an irgendeinem Ort der Schöpfung sesshaft zu werden. So waren sie dazu verdammt, bis in alle Ewigkeit als kleine, flackernde Lichter durch die Weiten des Alls zu irren, jedoch niemals irgendwo anzukommen.
Nelaro selbst war nun so geschwächt, dass er sich kaum noch zu bewegen vermochte. So fanden ihn die anderen Ranvári. Von seinem Schicksal abgeschreckt erkannten sie, dass selbst ihren Kräften Grenzen gesetzt worden waren, als sie zu einem Teil Enus geworden waren. Dies führte sie zugleich zu der Annahme, dass auch die Macht der Unordnung nicht unüberwindbar sei. So setzten die anderen drei Ranvári ihren hoffnungslosen Kampf um Ordnung fort.
Obwohl die Verzweiflung alsbald immer größer wurde, waren die meisten Mi Sarucho – allen voran die Ranvári und Dimisori – nicht bereit aufzugeben. Zu große war ihr Stolz, um auch nur um Hilfe zu bitten. Sie wollten ihrem Schöpfer beweisen, was sie vollbringen konnten.
So wären sie wohl alle, Nelaro gleich, in ihren Mühen zugrunde gegangen. Als jedoch Lauréa nach langem Kampf entkräftet dahinzusiechen begann, erhob Atia als erste die Stimme, um Valeno anzuflehen, er möge seinen Kindern Unterstützung gewähren. Anders als die anderen war sie es leid, ihre Werke immer wieder vergehen zu sehen und zu wissen, dass auch alle kommenden vergehen würden und sie dereinst mit ihnen. Einige wenige verhöhnten sie deshalb, die meisten anderen stimmten in ihren Ruf mit ein.

Als Valeno die Stimme seiner Tochter in seinem Gemach in den Ewigen Hallen vernahm, empfand er Mitleid für seine geschlagenen Kinder. Er hatte sie von fern bei ihren Mühen beobachtet und jede ihrer Niederlagen hatte auch ihn betrübt. Nun erhob er sich von dem Ort, an dem er geruht hatte – denn er war immer noch geschwächt von der Reinigung der Regenbogenkugel, die er niemals mehr vollenden würde. Er bat Narku, das bei ihm war, Voréos und Enéra zu ihm zu bringen.
Nachdem sie ihre Geschwister verabschiedet hatten, hatten sich die beiden ältesten der Ranvári wieder ihren gewohnten Beschäftigungen zugewandt. Manchmal jedoch suchten sie in Gedanken die Gefilde Enus auf, wenn sie sich fragten, wie es ihren Geschwistern wohl darin ergehen mochte. Ja mitunter trafen sie einander sogar in der Halle der Dunklen Tore, um schweigend in die Weiten der Schöpfung hinauszublicken.
Als sie nun Valenos Ruf vernahmen, zögerten sie nicht, ihm zu folgen. Sie traten vor den Schöpfer, wie sie es schon oft getan hatten, seit die Welt ins Sein getreten war. Denn dies war nicht das erste Mal, dass Valeno nach ihnen geschickt hatte. Eine Vielzahl von Aufgaben hatte er ihnen bereits auferlegt, die zumeist damit zu tun gehabt hatten, etwaige Schäden auszubessern, die die Freisetzung der Dritten Schöpfung an den Ewigen Hallen hinterlassen hatte. Noch ahnten sie nichts von dem folgenschweren Auftrag, den Valeno ihnen dieses Mal erteilen würde.
»Eure Geschwister bedürfen eurer Unterstützung, eures Rates und eurer Anleitung«, sagte der Schöpfer. »Ihre Mühen sind groß, doch bisher ohne Erfolg… Lauréa und Nelaro wurden bereits von den gewaltigen Kräften der Unordnung niedergerungen.«
Mehr bedurfte es nicht, um Voréos‘ Zustimmung zu erlangen, Enéra hingegen zögerte. »Ich bin dir nicht undankbar für das Geschenk, das diese Schöpfung zweifellos sein mag«, sagte sie. »Doch ist mein Blick, wie du wohl weißt – denn du erschufst ihn – schärfer als manch anderer und ich sehe, was sich dort zuträgt. Nicht gewinnen kann ich diesen Kampf gegen die Unordnung. Meine Macht reicht dafür nicht aus.«
»Du sprichst wahre Worte, meine Tochter«, erwiderte Valeno. »Doch nicht du allein sollst diese Welt in Ordnung bringen, denn dafür reicht deine Macht wahrlich nicht aus. Gemeinsam mit deinen Brüdern und Schwestern jedoch könntest du dieses Wunder vollbringen, das sogar meine kühnste Vorstellung übertreffen wird. Doch will und werde ich dich nicht dazu zwingen. Dein allein sei diese Entscheidung.«
Immer noch war Enéra unschlüssig. Es weniger die Furcht vor den Mühen als vielmehr ihre Liebe zu Narku, die sie zurückhielt. Denn Narkus Sinn hatte sich nicht gewandelt. Immer noch hielten die Reue und Demut es zurück, die es auch noch etliche weitere Ewigkeiten zurückhalten würden. Das Kind der Dämmerung sah jedoch Enéras Zwiespalt und erkannt, dass es selbst der Grund dafür war. So ging es zur Herrin des Lichtes und sprach zu ihr. »Nicht meinetwegen musst du zurückbleiben, Schwester. Denn meine Bürde ist die meine und sonst niemandes, das Schicksal Enus aber die deine. Geh hinaus und hilf unseren Geschwistern, wie du einst mir halfst! Sie brauchen dich.«
Diese Worte überzeugten nun endlich auch Enéra. Und so gesellte sie sich zu Voréos, der ihrer bereits in der Halle der Dunklen Tore harrte. Schweren Herzens nahmen die beiden nun also doch Abschied von Narku, Valeno und den Ewigen Hallen, wohl wissend, dass sie für lange Zeit nicht zurückkehren würden. Hand in Hand durchschritten sie schließlich die Dunklen Tore. Während sie viele Male zurückblickten, wurden sie von der Schöpfung umschlossen und schließlich eins mit ihr. Später sollte es stets Enéra sein, die die Geborgenheit der Ewigen Hallen und die Gesellschaft des Kindes der Dämmerung am bittersten vermisste.
Im Herzen Enus angekommen, machten sich Voréos und Enéra sogleich auf die Suche nach ihren Geschwistern. Mit dem scharfen Blick der Herrin des Lichtes war es ihnen ein Leichtes, die Ranvári zu finden. Groß war die Freude der anderen Mi Sarucho, als sich Voréos und Enéra unverhofft zu ihnen gesellten. Viele Fragen stellten sie den beiden Nachzüglern, die diese geduldig beantworteten.
Zunächst nahmen sich die beiden jedoch Nelaros und Lauréas an. Enéra stellte Nelaros Kraft zur Gänze wieder her, während Voréos sich um Lauréa kümmerte. Beinahe kam diese Tat einem Wunder nahe und sie schürte die Hoffnung aller.
Schon bald machten sie sich ans Werk und begannen unter Anleitung und Mithilfe der ältesten Ranvári die Urstoffe zu binden. So sammelten die Mi Sarucho auf Geheiß Enéras Licht und Feuer im ganzen All. Olion schmiedete mit Hilfe der Herrin des Lichtes daraus die Abertausenden Sterne des Nachthimmels, die später als das Größte seiner Werke galten.
Wie Edelsteine in den Augen der Sterblichen erscheinen, so betrachteten die Mi Sarucho diese Sterne voller Freude und Sehnsucht. So gleich sie für das ungeschulte Auge aus der Ferne auch wirken mochten, so verschieden waren sie in Wahrheit. Denn innerhalb der Schöpfung gab es kein Ding, das vollkommen einem anderen glich. So leuchteten manche Stern rot oder gelb, andere dagegen grün oder blau, manche in einem fahlen Weiß, andere in einem grellen, wenige sogar in dem dunklen Veilchenblau, das für gewöhnlich der Finsternis vorbehalten war.
Voréos nahm diese Kugeln aus Licht und Feuer und verteilte sie großzügig über die Finsternis des Alls. Gemeinsam mit Enéra erdachte er feste Bahnen für das Licht und so erschufen die beiden tausenden von Sternenhaufen und Sternbildern. Dabei bedienten sie sich der Heiligen Kräfte, deren Ströme sie in ein unsichtbares Netz zwangen, das ganz Enu durchzog und das neu geordnete Weltall zusammenhielt.
Nachdem dies vollbracht war, ruhten die Mi Sarucho keineswegs. Denn sie gedachten all der Stoffe, die noch frei durch das All schwebten und begannen auch diese zu ordnen. Abertausende von unterschiedlichsten Himmelskörpern entstanden, die vom Licht angezogen die zuvor gesäten Sterne umkreisten.
Dieses Werk dauerte viele Zeitalter lang, doch schließlich war auch die letzte Unordnung verschwunden und die Mi Sarucho fanden sich in einem All wieder, das alles an Schönheit und Pracht übertraf, was sie sich erträumt hatten. Denn ihre Träume waren meist an den einen Urstoff gebunden gewesen, der ihnen zu eigen war. Eigenbrötlerisch waren sie gewesen, in ihren Gemächern in den Ewigen Hallen, wo jeder für sich Dinge erschaffen hatte. Nun jedoch begannen sie zu begreifen, dass alles, was sie gemeinsam schufen, noch sehr viel schöner war.
So erhielt Enu also seine Ordnung. Valeno aber saß in seinen Ewigen Hallen und lächelte.

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