Chronik

Die Wiedererweckung Vunas

Als Olomru die Ebene von Liten Ayonas verließ, war diese vollkommen verwüstet und ähnelte dem Trümmerfelder des Nordens, auf dem es zu ruhen pflegte. Nichts war mehr übrig von den ersten Pflanzen, außer einem abgebrochenen Stängel hier und da oder einem zerrissenen Blatt, das vom Wind verweht wurde. Nun, da die Wut des Übels fürs erste besänftigt war, zog es sich alsbald dorthin zurück, woher es gekommen war.
Dies entging den Ranvári nicht. So hielten sie alsbald Rat, was nun zu tun sei. Auch wenn Mosuryu enttarnt worden war, hallten dessen Worte in ihren Gedanken nach. Die Saat des Zweifels war gestreut worden und ihre Samen hatten zu keimen begonnen. Es war Enéra, die diese Gedanken einstweilen zum Schweigen brachte.
Aus diesem Schweigen erwuchsen jedoch nur weitere Zweifel. Hier und da wurden nun Stimmen laut, ob es nicht besser sei, Sarucho zu verlassen und nach einer anderen, von Übeln freien Welt zu suchen, derer es in den Weiten Enus genügend geben mochte.
Hier war es nun Voréos, der sprach. »Gebt ihr schon auf, meine Geschwister?«, fragte er die Zweifelnden. »Mehr hätte ich von euch erwartet, wie sicherlich auch unser aller Schöpfer mehr von uns erwartet hätte. Euer Werk liegt in Trümmern. Das ist traurig. Doch wurde nicht auch einst das Werk unseres allmächtigen Schöpfers von den Kräften des Nichts zerstört? Nicht ein einziges Mal, sondern sogar zwei Mal, wenn ich mich recht entsinne. Hielt ihn dies etwa davon ab, uns und das All um uns herum zu erschaffen?«
Er blickt streng von einem zum anderen. »Und wir, die wir einander schwuren, eine Perle inmitten der Dunkelheit zu erschaffen – wir geben beim ersten Anzeichen von Schwierigkeiten auf? Ehren wir etwa auf diese Weise das Werk unseres Schöpfers? Nein… Ganz bestimmt nicht. Dieses Übel zerstörte unser Werk, doch was einmal vollbracht wurde, kann auch ein zweites Mal vollbracht werden. Hunderte Male, wenn es denn sein muss. Und mit jedem Mal, dass es zugrunde geht, wird es nur noch prächtiger wiederkehren. Lasst uns nach Liten Ayonas zurückkehren und wieder aufbauen, was zerstört wurde! Schließlich wollen wir die Kinder unseres Schöpfers sein und handeln, wie er einst handelte!«
Da waren viele der Zweifler beschämt, doch die Herzen der Standhaften wurden durch die Rede Voréos‘ entflammt und sie leisteten seiner Aufforderung begeistert Folge. Nur eine kleine Schar von geringeren Mi Sarucho wandte der Welt damals den Rücken zu, um wieder in die Weiten Enus zu entschwinden.

So kehrten die Mi Sarucho also nach Liten Ayonas zurück, betrübt über das Ausmaß der Zerstörung, doch begierig, ein neues Werk zu erschaffen, das das alte sogar noch übertreffen sollte. Zunächst einmal wusch jedoch Atia das Land mit ihren Wassern rein von dem Schmutz, den Olomru hinterlassen hatte.
Lauréa wandte sich währenddessen Neren Vunas zu, wo ihre Dimisor ruhte. Freilich versuchte sie, Vuna wiederzuerwecken, doch es wollte ihr nicht recht gelingen. Zu zerstört war der Geist der Dimisor. Bittere Tränen vergoss die Herrin der Erde an diesem Ort.
Doch Voréos tröstete sie. »Weine nicht, meine Schwester!«, sagte er. »Deine treue Gefährtin wird zurückkehren, wenn du die Ebene von Liten Ayonas erneut mit Leben erfüllst. Denn dessen Amme ist sie, so fällt und steht sie mit dem Leben.«
Lauréa trocknete ihre Tränen, denn in allen Dingen vertraute sie den Worten ihres älteren Bruders. Sogleich folgte sie ihm auf die gereinigte Ebene hinaus, wo die übrigen Ranvári bereits Rat hielten. Bevor sie sich nämlich erneut der Schaffung von Leben widmen wollten, überlegten sie, wie sie dieses zu schützen vermochten. Olomru war zwar verschwunden, doch fürchteten sie nicht ohne Grund, dass das Übel sie erneut heimsuchen würde.
Olions Geist entsprang der Vorschlag, Liten Ayonas mit einem unüberwindlichen Wall zu umgeben. Sein Diener Gileiro hatte ihm nämlich berichtet, dass das Übel, anders als die gestaltlosen Mi Sarucho, offenbar nicht in der Lage war, sich durch die Lüfte zu bewegen. Die anderen Ranvári fanden sogleich Gefallen an diesem Vorschlag – wohl auch deshalb, da keines von ihnen wusste, was sie Olomru sonst hätten entgegensetzen können.
So machte sich Olion ans Werk. Unermüdlich arbeitete er mit seinem Gefolge, während Lauréa, die über Fels und Erde gebot, ihm zur Seite stand. Gemeinsam trugen sie große Felsen aus den Trümmerfeldern des Nordens zusammen und schichteten sie nördlich von Liten Ayonas zu großen Häufen auf, wo das Land ein wenig schmäler wurde und zum Meer hin von ebenso hohen Klippen aus Eis begrenzt wurde. Mit seinen alles versengenden Flammen schmolz Olion dieses Gestein und formte es zu hohen Zinnen, ehe es unter den kalten Winden Saruchos wieder erstarrte.
So entstand ein mächtiger Gebirgszug, der, sich von Westen nach Osten ziehend, die ganze Breite Yurtrias einnahm. Seine gewaltigen Gipfel, die große Schatten auf das flache Land warfen, reichten bis in die höheren Gegenden des Himmels. Die Menschen nannten dieses Gebirge, das auch in späteren Zeitaltern noch das Reich der Götter vom hohen Norden trennte, die Berge der Höheren Lüfte.
Nach Süden hin wurde kein derartiger Wall errichtet, denn, da Mosuryu geflohen war, fürchteten die Mi Sarucho aus dieser Richtung keinerlei Gefahren. Noch wussten sie nichts von der Anwesenheit eines dritten Übels.
In der Mitte von Liten Ayonas schichteten Lauréa und Olion nun die Felsen, die sie nicht für den Bau des Gebirges verbraucht hatten, zu einem mächtigen Berg auf – dem höchsten, den diese Welt je gesehen hatte und jemals sehen würde. Seine Hänge waren zunächst sanft, um dann nach oben hin immer steiler zu einem Gipfel von der Gestalt einer Speerspitze zusammenzulaufen.
Beinahe dreizehn Meilen hoch erhob sich dieser Riese aus Gestein und Erde über die umliegende Ebene. Sein Gipfel lag weit über den höchsten Wolken, in jenen Gegenden des Himmels, in denen es keine Winde mehr gab und in die keiner der noch ungeborenen Vögel vorzudringen vermochte.
Dieser Berg nun sollte den Mi Sarucho als Wachturm dienen, von dem aus sie große Teile der Welt überblicken konnten. Olion entfachte an der Spitze ein unverlöschliches Feuer, das den Gipfel mit einem warmen, goldenen Schein umgab.
Als es dann darum ging, einen Wächter auszuwählen, der dieses Feuer schüren und nach Gefahren Ausschau halten sollte, fiel die Wahl auf Alkilion. Dieser war ein Diener Olions gewesen, der sich bereits am Bau der Befestigungsanlangen unermüdlich beteiligt hatte. Alkilion stand in dem Ruf, dass er niemals müde wurde und einen außerordentlich scharfen Blick besaß. Daher schien er wie geschaffen für diese Aufgabe, die er auch ohne zu zögern annahm.
Doch Alkilion ging nicht allein. Bei ihm war Hairena, die einst eine Gefährtin Nelaros gewesen war und es wie alle ihrer Art liebte, durch die höchsten Lüfte zu gleiten. Sie verschrieb sich Alkilion und diente ihm sowohl als Gefährtin wie auch als Botin, ums ich immer dann, wenn es etwas zu berichten gab, voller Freude vom Gipfel des gewaltigen Berges hinabzustürzen.
Nicht nur auf dem Gipfel jenes Königs aller Berge wurde eine Wache aufgestellt. Unzählige Mi Sarucho – zumeist jene, die Nelaro und der Luft sehr nahe standen – siedelten sich in den Bergen der Höheren Lüfte an. Dort, zwischen Himmel und Erde, fühlten sie sich zu Hause und dort blieben sie auch. Ihr Blick blieb nach Norden gerichtet, von wo aus die größte Gefahr zu drohen schien.
Die übrigen Mi Sarucho wandten sich nun, da sie sich hinter ihrem mächtigen Schutzwall in Sicherheit wähnten, wieder der Erschaffung von Leben zu. Dabei versuchten sie – so gut sie es vermochten – Lauréas Werk aus dem Gedächtnis wiederherzustellen. Doch wie es so oft war, erschien ihnen das Ergebnis – wiewohl wunderschön – doch minderwertig im Vergleich zu jenem, das zerstört worden war.
Nichtsdestoweniger war die Ebene von Liten Ayonas bald wieder vom satten Grün urweltlicher Pflanzen erfüllt. So erfüllte sich nun auch Voréos‘ Prophezeiung und Vuna erwachte in ihrem Grab zu neuem Leben. Wiewohl schwach, stieg sie aus der Gruft empor, die Gileiro und Tranachor für sie errichtet hatten und kehrte zu ihren Schützlingen zurück. Groß war die Freude aller, am größten jedoch die ihrer Herrin Lauréa.

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