Chronik

Feuer und Eis

Nun, da alle nötigen Vorbereitungen getroffen worden waren, war für die Ranvári die Zeit gekommen, gegen ihre Feinde in den Kampf zu ziehen, hatten sie doch das Schlachtfeld zu ihren Gunsten verändert. All die Truppen der Mi Sarucho hatten sich bereits an den Hängen des Umcalorion versammelt, als Lirinella schließlich doch vor Voréos und Enéra trat und den beiden die Geschenke Mosuryus überreichte. Enéra wich zurück, erkannte sie doch, welch verkommene Macht diesen Steinen innewohnte, Voréos dagegen ergriff sie, hatte er die Kraft des Nichts doch niemals gefürchtet. Wohl aber sah er ebenso wie seine Schwester das Böse, das sie anzurichten im Standen waren.Nun waren es die jüngeren der Ranvári, die ihre älteren Ge-schwister rügten. »Mit allzu großer Vorsicht werden wir diese Übel nicht niederzuwerfen vermögen«, führte Nelaro eine hitzige Rede. »Nun wurde uns eine große Macht anvertraut. Wären wir nicht Narren, würden wir sie ungenutzt lassen?«
Da Atia, Lauréa und Olion ihm zustimmten, hatte Voréos keine andere Wahl, als sich ihrem Urteil schweren Herzens zu fügen. So vertraute er einen der Steine Atia, den anderen Lauréa an, da er diese beiden für die besonneneren hielt. Lauréa jedoch weigerte sich, eine derartige Waffe zu tragen, sodass der zweite Stein an Olion fiel.
»Nicht leichtfertig sollt auf ihr diese Macht vertrauen«, riet Voréos den beiden zum Abschied. »Nur in äußerster Not mögt ihr sie entfesseln. Lasst nicht zu, dass sie euch verschlingt.«
Allzu düster erschienen den Ranvári seine Worte, doch brannten sie bereits zu sehr auf den Kampf, als dass sie diesen übermäßig Beachtung geschenkt hätten. Nun endlich war es an der Zeit, loszuziehen. Dabei gingen die Ranvári nun getrennte Wege. Sie hatten nämlich vor, beide Übel zur selben Zeit anzugreifen, um sie von einander fernzuhalten – für den unwahrscheinlichen, aber denkbaren Fall, dass sich Olomru und Chelnaxu gegen den gemeinsamen Feind verbündet hätten.
Die Stärken und Schwächen ihrer Widersacher vor Augen wandten sich Olion, Lauréa und Enéra gen Süden. Olion hüllte sich in eine gewaltige, feurige Gestalt mit hunderten Armen und tausenden glühenden Augen, der – von der lodernde Kraft der Sonne umgeben – kein Eis standhielt. Fürchterlich war er anzusehen, groß wie ein Berg und die Erde erzitterte unter seinen Schritten. Der Stein Mosuryus saß auf seiner Stirn.
Ein wenig kleiner nur, doch nicht minder beeindruckend war die Gestalt Lauréas, die sich mit den Gebeinen der Erde verbunden hatte, um einen Körper zu erschaffen, der dem Olomrus nicht unähnlich, jedoch ungleich prächtiger war. Unzerbrechliche Felsen türmten sich über ihr auf, während bei jeder Bewegung Geröll donnert von ihrem Rücken fiel. Der Kampf war ihr zwar zuwider, doch hatte sie sehr wohl verstanden, dass es keinen Platz für ihre Schöpfungen geben würde, solange die Übel frei über die Ebenen Yurtrias zu streifen vermochten.
Enéra wählte eine kleinere, leichtere Gestalt, einem dünnen Nebelschleier gleich, der von einem gleißendem Licht erfüllt war, das die Augen eines jeden Sterblichen erblinden hätte lassen. Wie ein winziger, doch umso hellerer Stern schwebte sie zwischen den riesenhaften Ungetümen, die ihre Geschwister waren. Mit ihnen zog eine große Schar von Mi Sarucho, unter der Führung der Dimisori.
Während nun also ein feuriges, von Licht erfülltes Heer nach Süden zog, überschritt ein zweites die Berge der Höheren Lüfte. Atia hatte sich in unzählige Schwingen aus gefrorenem Wasser gehüllt. Hauchfein und durchscheinend war ihr Körper an Anmut kaum zu übertreffen und ebenso furchterregend wie schön. Tausendfach brach sich das Licht der Sonne an ihrer Haut und erfüllte sie mit zauberischem Schimmer.
Nelaro indes zeigte sich als ungestüme, wütende, dunkle Wolke, die vor Blitz und Donner nur so strotzte und auf ihrem Weg mühelos große Felsbrocken durch die Lüfte wirbelte. Ein stürmischer Wind umwehte auch sein zahlreiches Heer.
Voréos blieb mit wenigen am Umcalorion zurück, um das Ge-lingen des Feldzuges von der Spitze des Berges aus zu überwa-chen und die Züge seiner Geschwister aufeinander abzustimmen. Es war nicht allein seine Entscheidung gewesen, denn, wenngleich er Gewalt verachtete, wäre er ohne zu zögern an der Seite der übrigen Ranvári in die Schlacht gezogen. Doch war da immer noch Mosuryu und so dankbar die Ranvári diesem auch für seine Hilfe waren, sie vertrauten ihm nicht, und befürchteten, es könne die Gelegenheit wahrnehmen um Unheil stiften, solange seine Widersacher beschäftigt waren.

Olion und Chelnaxu trafen zuerst aufeinander. Der Herr der Flammen hatte so viel unbändige Kraft in sich vereint, dass er sich beim Anblick des Feindes, der aus seiner Höhle kroch, nicht mehr zurückhalten konnte, und allen voran losstürmte. Der Stein an seiner Stirn erfüllte ihn mit rasender Wut. Die Erde bebte, als sich ein gewaltiger Körper gegen den anderen warf. Unter ihren donnernden Hieben wurden unzählige der Eisberge des Südens zu Staub zermalmt.
Und Chelnaxu wich zurück – geblendet von Licht und Hitze, wie Mosuryu es vorausgesagt hatte. Ganz so einfach war dem Übel aber doch nicht beizukommen. Geschwächt war es, jedoch nicht geschlagen. Mit einem leisen Zischen zog es sich in seine Höhle zurück.
Als Olion ihm siegessicher hinterher stürzen wollte, hielt Enéra ihn zurück. »Halte ein, mein Bruder!«, sagte sie. »Dies ist die Behausung des Übels, seine Festung und das Herz seiner Kraft. Lass uns nicht unüberlegt handeln! Denn wer vermag zu sagen, welche Schrecknisse sich unter diesen Bergen aus ewigem Eis verbergen mögen?«
Olion zögerte. Der Stein auf seiner Stirn befahl ihm, loszustürzen und sein Werk zu Ende zu bringen, doch die Stimme seiner Schwester war stärker. Sie war nämlich die einzige, von der er jemals Rat angenommen hatte. Und so hörte sich der Herr des Feuers an, was sie zu sagen hatte.
Da die Dunkelheit der Höhle dem Übel einen Vorteil gewähren würde, entschied Enéra, dass sie selbst allen voran in die kalten Tiefen hinabsteigen würde, um all die Schatten, in denen Gefahr lauern mochte, auszulöschen. Ihr alles durchdringender Schein umgab sie, als sie einer Sternschnuppe gleich durch die dunklen Klüfte glitt.
Das Gewölbe am südlichen Ende der Welt war jedoch bei weitem größer und weitläufiger, als sie es hätte erahnen können. Halle, in denen ganze Berge Platz gefunden hätten, fand sie dort, von mächtigen Säulen aus Fels und Eis gestützt, durch endlose Gänge miteinander verbunden, die bis in die tiefsten Tiefen der Erde zu führen schienen.
Chelnaxu verbarg sich still vor ihr und beobachtete sie und jene, die ihr folgten. Olion ging es aus dem Weg, denn ihn hatte es bereits zu fürchten gelernt. Auch an Gileiro, der seinen Herrn begleitete, wagte es sich nicht heran, ebenso wenig an Lauréa, deren Kraft es deutlich wahrnahm. Bisweilen tauchte es jedoch plötzlich aus einer scheinbar leeren Spalte im Eis au und fiel über die Schwächeren der Mi Sarucho in deren Gefolge her. Viele von diesen erlitten dasselbe Schicksal wie jene, deren Seelen am Umcalorion zu Amiráni geworden waren.
Ehe jemand das Übel zu fassen bekam, verschwand es wieder in den Tiefen seiner Höhle. Olion, der dessen gewahr wurde, brodelte vor Zorn. Er zermalmte unzählige Eisberge in seiner Wut und das Wasser – eben noch im Eis gefangen – kochte und wurde zu Dampf. Lauréa versuchte ihn zu beruhigen, doch ohne Erfolg.
Nach unzähligen kleineren Scharmützeln gelang es Chelnaxu dann, Enéra in eine Falle zu locken. Die Herrin des Lichtes fand sich nämlich plötzlich am Ende einer kleinen Kammer wieder, aus der es keinen anderen Ausweg gab als den, durch den sie gekommen war. Dort schnitt Chelnaxu sie von den ihren ab, indem es den Gang einstürzen ließ. Lautlos stürzte es sich auf seine gefangene Feindin. Wenngleich das Licht es schwächte und ihm die Sicht nahm, hatte das Übel doch andere Sinne, auf die es vertrauen konnte und genügend Kraft, um – wie es glaubte – die schwächste der drei Ranvári, die es herausgefordert hatten, auszulöschen.
Doch es hatte sich von der zierlichen Gestalt seiner Widersa-cherin täuschen lassen. Enéra lieferte ihm einen erbitterten Kampf. Und sie hätte es wohl auch ohne Mosuryus Stein bezwingen können, wäre da nicht das Erbarmen gewesen, das sie einst von Voréos gelernt hatte. Denn als sie das Übel niedergerungen hatte, indem sie sich die Eigenheiten des Raumes geschickt zunutze gemacht hatte, um den Feind durch einen schnellen Wechsel zwischen einer körperlichen und einer geisterhaften Gestalt seiner Kräfte zu berauben, zögerte sie einen verhängnisvollen Augenblich lang.
So gelang es Chelnaxu nicht nur, erneut in die Weiten seines Versteckes zu entschwinden, sondern auch seiner Gegnerin eine schwere Verletzung beizubringen. Als erste der Mi Sarucho musste Enéra nun erfahren, welche Nachteile eine körperliche Gestalt mit sich brachte. Denn wie Mosuryu bereits Lirinella gewarnt hatte, wirkte sich jede Wunde, die der Körper erlitt, auch auf den Geist aus. Enéras Licht schwand, als sie zu Boden sank.
So wurde sie von Olion und Lauréa gefunden, als diese es endlich geschafft hatten, einen Durchgang zu ihr freizulegen. Die beiden waren entsetzt über den Zustand ihrer Schwester und brachten sie sogleich auf schnellstem Wege zurück an die Oberfläche. Wenn auch ihr Dasein nicht bedroht war, so war Enéra doch zu geschwächt, um weiterzukämpfen.
Olion und Lauréa jedoch waren entschlossener denn je zuvor, dem Kampf ein Ende zu bereiten. Enéra hielt sie zurück. »Durch bloße Kraft und Irrfahrten in die Finsternis unter der Erde wer-den wir dieses Übel nicht besiegen können«, sagte sie. »Wohl aber mit List.« Ihre Kraft war zwar geschwunden, nicht jedoch ihre Weisheit.
Ihre Geschwister führten ihren Willen bereitwillig aus. Dazu gruben sie sich tief in die Erde, bis unter das tiefste Eis des Sü-dens. Dort schuf Lauréa etliche große Höhlen, die Olion mit gewaltigen Seen aus heißestem Feuer und flüssigem Gestein füllte. Je mehr Flammen er schürte, desto wärmer wurde es Chelnaxu am Grund seiner Behausung, wo es sich bisher allzu sicher gewähnt hatte.
Das Unbehagen des Übels wurde schließlich so groß, dass es erneut aus seiner Höhle hervorbrach. Dort wurde es jedoch bereits von Lauréa erwartet, die es mit mächtigen Stößen dorthin zurücktrieb, wo es hergekommen war – und damit in die Fänge Olions, der währenddessen aus dem Erdinneren in die Höhle eingedrungen war und Feuer und Hitze mit sich brachte.
Bald war Chelnaxu dann von allen Seiten mit Flammen umge-ben. Immer enger und enger schloss sich der Ring des Feuers um das Übel, ohne ihm auch einen einzigen Ausweg zu lassen. Langsam begann Chelnaxus eisige Haut zu schmelzen. Das sonst so stille Ungeheuer brüllte vor Schmerz. Seine grässlichen Schreie erfüllten die in Flammen stehende Höhle und trieben die schwächeren Mi Sarucho beinahe in die Wahnsinn.
Dort hätten die Ranvári dem Übel endlich ein Ende setzen können und beinahe hätten sie es auch getan. Von der Macht von Mosuryus Stein beseelt setzte Olion bereits an, Chelnaxu den Gnadenstoß zu verpassen, als ausgerechnet Enéra ihn erneut zurückhielt. Wenngleich sie durch ihre Verwundung große Schmerzen erdulden musste, hatte sie nun in dessen größter Not doch Mitleid mit dem Verursacher eben dieser Schmerzen.
»Nicht vernichten dürfen wir dieses Wesen«, sprach sie. »Trotz all seiner Bosheit, ist auch es ein Teil Enus. Wären wir nicht ebenso boshaft wie es, würden wir diese Tat begehen?«
Olion dachte über diese Worte nach und erkannte, dass Enéra Recht hatte. Seine Wut loderte jedoch immer noch wie das Feuer, das sein Wesen war. So nahm er den Stein von seiner Stirn und warf ihn zu Boden. »Was schlägst du vor, meine Schwester?«, wollte er wissen. »War all unsere Mühe umsonst? Sollen wir das Übel weiterhin gewähren lassen, auf dass es erneut über unser Land hereinbreche, wie es ihm beliebt?«
»Das könnte ich nicht ertragen«, mischte sich Lauréa ein. »Zu oft schon wurden unsere Mühen zunichte gemacht. Es muss ein Ende haben.« Doch sie scheute sich, Mosuryus Stein aufzuneh-men, um Chelnaxu zu vernichten, dass trotz allem ein Wesen der Schöpfung war.
So kamen die drei Ranvári nach kurzer Beratung überein, dass sie Chelnaxu gar nicht vernichten mussten, wenn sie ihm nur all seine Kraft nahmen. Und dies geschah auf folgende Weise: Lauréa vergrößerte die Höhlen, die sie mit Olions Hilfe geschaffen hatte. Immer tiefer und tiefer drang sie in die Erde ein, bis sie deren Mitte erreicht hatte. Dort schuf sie eine weitere, viel gewaltige Höhle. Dorthin floss auch Olions Feuer.
Als sie ihr Werk vollendet hatte, riss Lauréa die Erde zu Füßen Chelnaxus ein, sodass das Übel brüllend in die Tiefe stürzte. Verzweifelt schlug es mit seinen Klauen um sich und versuchte vergeblich, an den vom Feuer geschmolzenen Wänden des Abgrundes Halt zu finden. Doch es fiel immer weiter, bis es irgendwann den Kern der Welt erreicht hatte, zu dem alle Dinge strebten. Inmitten einer kugelrunden Höhle, die vom Leuchten vieler kleiner Feuer erhellt wurde, hing es mitten in der Luft, gehalten von den Kräften der Erde.
Ehe sich Chelnaxu darüber wundern konnte, was mit ihm ge-schehen war, schloss Olion zu ihm auf. Der Herr des Feuers erschuf nun einen gewaltigen Käfig aus Flammen und geschmolzenem Gestein, der Chelnaxu bald von allen Seiten einschloss und jede Flucht unmöglich machte.
So wurde das Übel des Südens in der Mitte der Erde eingekerkert und dort liegt es heute noch, lebendig, doch eines großen Teiles seiner Kräfte beraubt. Der gewaltige Abgrund, durch den es hinabgestoßen worden war, wurde versiegelt, doch damit gab sich Olion noch nicht zufrieden. Um ganz sicher zu gehen, dass Chelnaxu niemals wieder freikommen würde, durchzog er ganz Sarucho mit einem Netz aus unzähligen glühenden Strömen – vom Erdkern, bis unter die Erdoberfläche. Dieses macht sich auch heute noch bemerkbar. Denn wann immer Chelnaxu aus einem langen Schlaf erwacht und sich eine Gelegenheit zur Flucht erhofft, wirft es sich gegen die Gitterstäbe seines Käfigs. An der Oberfläche macht sich dies durch ein Beben der Erde bemerkbar, ja mitunter zerreißt das Übel sogar einen der Feuerstränge, der sich alsbald durch die vielen Höhlen einen Weg nach oben bahnt, um als feu-erspeiender Berg das Licht der Welt zu erblicken.

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