Dorf der Mursogi

Schwarzer Fuchs und graues Fleisch

Im Königreich Styronna herrschte einst große Unruhe. Irenard, der König des Landes, hatte nämlich zwei Kinder. Seine Tochter Meressa, die ältere von beiden, war klug und gütig. Das Volk liebte sie. Ihr jüngerer Bruder Sanard war ehrgeizig und stark, aber auch leicht zu erzürnen. Auch er genoss beim Volk großes Ansehen und nicht wenige wollten ihn auf dem Thron seines Vaters sehen, wenngleich dieser von Rechts wegen Meressa zustand. Sie glaubten, Sanard würde das verfallende Reich wieder zu seinem alten Glanz führen, ja sogar das verlorene Großreich Orvolor wiederauferstehen lassen.Dieser Wunschtraum seiner Anhänger erfasste bald auch Sanard selbst. Er fand Gefallen an der Vorstellung, als erster König seit mehr als tausend Jahren wieder über ein Reich zu herrschen, das von allen geachtet und gefürchtet werden würde. Doch er wusste, dass sein Vater seine Schwester in der Thronfolge niemals übergehen würde. So schmiedete er Ränke und versuchte heimlich die Macht zu übernehmen, indem er zahlreiche Anhänger um sich scharte und die Herrschaft seines Vaters untergrub, wo er nur konnte.
Doch Irenard erkannte die Absichten seines Sohnes und stellte ihn vor dem versammelten Hofstaat bloß. Blind vor Wut floh Sanard aus Werenvach in die Burg eines verbündeten Fürsten. Doch auch dort fand er keine Ruhe, stachelte sein Gastgeber sein Streben nach Macht doch umso mehr an.
So fasste Sanard schließlich einen grässlichen Beschluss. Da er nämlich erkannt hatte, dass er nicht an seiner Schwester vorbeikommen würde, jedoch auch keine Absichten hatte, sie töten zu lassen, bat er sie durch Boten, ihn zu heiraten. Dadurch – so glaubte er – hätte er seinen Herrschaftsanspruch doch noch durchsetzen können.
Meressa indes hielt nichts von diesem widerwärtigen Vorschlag. Sanard blieb jedoch beharrlich und umwarb sie, zunächst mit süßen Worten und Bitten, dann mit Drohungen. Er bedrängte sie solange, bis sie nicht mehr weiter wusste und den Rat Laminas‘ erbat, eines Almars, der zu dieser Zeit als Berater am Hof ihres Vaters lebte.
»Wie soll ich den Fängen meines Bruders entgehen?«, fragte sie ihn. »Seine Macht wächst Tag für Tag, die meines Vaters schwindet, ebenso wie mein Einfluss.«
Der Almar ging in sich und überlegte. Da wurde ihm eine Offenbarung zuteil – eine Vorahnung künftiger Geschehnisse, wie sie die Angehörigen seines Volkes nicht selten ereilte. »Keine Mauern, die bestehen, werden Euch zum Schutz gereichen, doch werdet Ihr neue erbauen, an einem Ort, an dem ein schwarzer Fuchs über graues Fleisch springt«, so sprach der Wille einer höheren Macht durch seinen Mund.
Wenngleich Meressa mehr als ratlos war, was diese Worte wohl besagen mochten, wusste sie nun eines doch mit Gewissheit: In Werenvach war sie nicht mehr sicher. So sammelte sie widerwillig ihre engsten Vertrauten um sich. In der tiefen Dunkelheit kurz vor Morgengrauen brach sie mit ihrem Gefolge auf, nachdem sie sich von ihrem Vater, dem König verabschiedet hatte. Groß war dessen Trauer, als er seine Tochter gehen ließ, denn in der Weitsicht seines Alters wusste er, dass er sie niemals wiedersehen würde.
Meressa wandte sich nach Süden. In Umar Enor, so glaubte sie, würde sie Zuflucht finden, hatte ihr Vater dort doch einst viele Freunde gehabt.
An einem kühlen Abend im Frühling gelangte sie schließlich an eine Lichtung am Ufer des Flusses Larlun, keine Tagesreise von Tolrach – der südlichsten Siedlung des väterlichen Reiches – entfernt. Als sie dort ihr Lager aufschlug, fiel ihr Blick auf einen seltsamen Felsen, der dort im Gras zwischen den eben erst erblühten Gänseblümchen lag. Beinahe wie ein Mensch sah er aus, von Wind und Wetter in Mitleidenschaft gezogen. Ehe sie sich wundern konnte, warum ein solches Standbild mitten in der Wildnis auf einer Wiese lag, sah sie einen schwarzen Fuchs, der ihr Gefolge neugierig aus der Ferne betrachtete. Mit einem großen Satz sprang der Fuchs über das gefallene Standbild und verschwand in der Uferböschung des Larlun.
Da wurde Meressa gewahr, dass dies der Ort war, den Laminas ihr offenbart hatte. Das graue Fleisch war der Stein des Standbildes gewesen. Von diesem Zeichen tief berührt, entschloss sie sich, an jenem Ort zu bleiben. Dort gründete sie eine befestigte Stadt, die später den Namen Reruwalt tragen sollte.

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