Leseprobe aus „Das Schwert der Vorväter“, Kapitel II

Als Lurano an Deck rannte, war es bereits zu spät. Der Mast lag in Trümmern, die Segel flatterten zerfetzt im Wind. Die »Gischtrose« hatte Leck geschlagen. Wie aufgescheuchtes Wild liefen die Seeleute umher und stießen Flüche oder Gebete an die Götter aus. Der Himmel war dunkel und wolkenverhangen. Im Osten war der zarte Schimmer der Dämmerung zu sehen.
»Der Dämon, der Dämon!«, erschallte Orvurs Stimme. Der alte Schiffsführer stand oben am Steuerrad, wenngleich selbst er hätte einsehen müssen, dass dieses Schiff nirgendwohin mehr segeln würde.
Lurano hielt eilig Ausschau nach dem Dämon, konnten diesen jedoch nirgendwo ausmachen. Die dunklen Wellen, die gegen das Schiff schwappten, nahmen ihm die Sicht auf das, was darunter liegen mochte. Doch er musste das Wesen nicht sehen, das da im Schatten des Meeres lauerte, spürte er dessen heimtückische Gegenwart doch überdeutlich.

»Was ist geschehen?«, rief Dalor-Nyo, der nun ebenfalls an Deck erschienen war. Zwar wirkte er schlaftrunken, doch hielt er kampfbereit in jeder Hand ein Schwert. Mit seinem grünlichen Gesicht wirkte er, als würde er sich im nächsten Augenblick übergeben müssen. Seine wackligen Beine zitterten unter ihm, dennoch blieb er standhaft, wie es sich für einen Meister der Turndura gehörte.
»Wie es aussieht, haben wir wohl Schiffbruch erlitten«, entgegnete Lurano mit einer Ruhe, die nur ein Almar ausstrahlen konnte. Allerdings war es eine andere Ruhe als die, die sein Meister ihn gelehrt hatte. Jene war dem inneren Frieden entsprungen, das einem Volk zu eigen war, das den Tod nicht zu fürchten brauchte. Diese jedoch gehörte einem Mann, der der Verzweiflung anheimgefallen war und der sich damit abgefunden hatte, dass all seine Mühen vergebens sein würden.
Dalor wurde bei diesen Worten jedenfalls noch bleicher als zuvor. »Ich… Ich kann nicht schwimmen«, stotterte er. »Ich werde ertrinken.
»Ich denke nicht, dass es so weit kommen wird«, erwiderte Lurano freudlos. »Eher wird uns der Dämon der Tiefe verschlingen…«
»Soll mich das etwa irgendwie beruhigen?«, schrie Dalor.
Das Schiff machte einen so starken Ruck, dass Lurano beinahe das Gleichgewicht verloren hätte. Da er jedoch immer noch ein Almar war, gelang es ihm nicht nur, sich auf den Beinen zu halten, sondern zugleich zu verhindern, dass Dalor über Bord ging, indem er diesen am Armgelenk packte. Erst als der Boden wieder einigermaßen eben war, ließ er den Turndura los.
»Solltest du überleben wollen, solltest du dafür sorgen, dass die Beiboote zu Wasser gelassen werden«, schlug Lurano vor. »Ich bezweifle zwar, dass du sonderlich weit kommen wirst, doch solltest du es zumindest versuchen. Kümmere dich bitte um die anderen…«
»Was ist mit dir?«, fragte Dalor.
»Ich werde mir diesen Dämon ansehen«, sagte Lurano. »Vielleicht vermag ich ihn lange genug aufzuhalten, dass ihr entkommen könnt…«
Die Aussicht auf einen Kampf erfüllte ihn mit grimmiger Genugtuung. Solange es einen Feind zu bezwingen gab, blieb keine Zeit, in Selbstmitleid zu versinken. Lange genug hatte er sein eigenes Blut vergossen. Nun war es an der Zeit, das Meer mit dem Blut eines Dämons zu füllen.
Während sich Dalor zögernd auf den Weg zu den Beibooten machte, stürmte der Almar in Richtung Bug. Ein riesiges Loch klaffte auf der Steuerbordseite und drohte die »Gischtrose« in der Mitte auseinanderzubrechen. Lurano wich den umherlaufenden Seeleuten aus und riss sein Schwert aus der Scheide, während er über Trümmer und Bretter hinwegsetzte. Kaum bemerkte er die Frau, die unter dem umgestürzten Mast begraben nach Hilfe rief, kaum den Mann, der von der geborstenen Reling gepfählt sein Leben aushauchte.
Vom Bug aus starrte Lurano gebannt in die dunklen Fluten hinab, sah jedoch nichts. Ein lautes Krachen hinter ihm zog seine Aufmerksamkeit auf sich. Ehe er handeln konnte, legte sich ein gewaltiger schuppiger Schweif, dicker als jeder Baumstamm um das Schiff und brach es scheinbar mühelos in der Mitte auseinander.
Zu Luranos Rechten tauchte ein riesiger Kopf aus dem schäumenden Meer auf. Muscheln und Seegras klebten an den von blaugrünen Schuppen bedeckten Schläfen. Die zu Schlitzen verengten Augen glühte so rot wie Feuer. Drei Reihen von armlangen Reißzähnen ragten aus dem Maul, aus dem zischend ein Schwall Meerwasser entwich. Eine vierfach gespaltene Zunge schnellte einer Peitsche gleich hervor.
Viele der Seeleute sprangen bei Anblick des Ungeheuers ins Meer, in der Hoffnung, diesem zu entgehen. Doch es gab kein Entkommen. Eine riesige Pranke, aus der drei lange, gekrümmte Krallen entsprangen zerfetzte drei menschliche Leiber mit einem Hieb. Wieder fuhr der Schweif auf das Schiff nieder und zerschmetterte einen Teil des Hecks.
Lurano stand immer noch am Bug des Schiffes, der nun einem Felsen gleich aus den Fluten ragte. Der Dämon riss sein Maul zu einem gewaltigen Brüllen auf. Mit flatterndem Umhang trotzte der Almar dem fauligen Hauch, der ihm entgegenschlug. Er wusste, dass er nicht länger zögern durfte.
So begann er seine Kraft zu sammeln. Ohne Unterlass murmelte er Worte in der Heiligen Sprache vor sich hin, während um ihn herum ein Wirbelwind entstand, der rasch an Stärke gewann.
Nun erst wurde der Dämon auf den Mann aufmerksam, der da scheinbar ungerührt inmitten der Verwüstung stand. Das Ungeheuer bäumte sich knurrend über dem sinkenden Schiff auf, hoch wie der Bergfried einer Burg. Er spreizte die Flossen an seinen Armen wie Schwingen, wodurch er seine ohnehin schon beeindruckende Größe noch zu verdreifachen schien.
Doch Lurano fühlte keine Furcht. Zu sehr ging er in seiner Kraft auf. Er stieß sein Schwert in den Himmel und sprach immer lauter. Der Wirbelwind um ihn herum war mittlerweile so stark, dass er nicht nur Wassertropfen, sondern auch lose Bretter und Seile mit sich riss.
Als er sich stark genug wähnte, verstummte Lurano, richtete er das Schwert auf die Brust des Dämons, wo dessen schuppige Haut fahl und weich schimmerte. Mit einem Wort entfesselte er alle Kraft, die er gesammelt hatte, in einem einzigen Stoß.
Der Dämon brüllte auf vor Schmerz, als ihn der unsichtbare Hieb traf. Tosend versank er in den Fluten, denen er entstiegen war. Doch Lurano gab sich nicht dem Irrglauben hin, er hätte schon gesiegt. Im letztmöglichen Augenblick erschuf er einen unsichtbaren Schild, um die gewaltige Pranke abzufangen, die auf ihn zu schoss. Zugleich spürte er, wie seine Kräfte ihn verließen. Die Wunde an seiner Handfläche brach auf und Blut tropfte ins brodelnde Meerwasser.
Lurano wich einen Schritt zurück, während er sich gegen den Schild stemmte, der zwischen ihm und einem sicheren Tod stand. Zugleich erkannte er, dass er diesen Kampf nicht gewinnen würde können. Er würde unterliegen, wie er auch seinem Bruder Malvios unterlegen war. Warum also nicht aufgeben und sich dem Unvermeidlichen fügen?
Narons Worte kamen ihm in den Sinn. Was brachte ihm Kraft, wenn er nicht bereit war, sie einzusetzen? Selbst im Kampf gegen dieses Ungeheuer hielt Lurano sich aus Rücksicht zurück. Er war nicht bereit seinen Feind zu töten.
Plötzlich begann er zu lachen. Bei all seiner Weisheit war er doch nur ein dummes leichtgläubiges Kind. Naron hatte Recht. Rücksicht war Schwäche.
Diese seltsame Erkenntnis gab Lurano den Mut, den Schild zu halten, während er einen letzten Schlag vorbereitete. Er richtete die Spitze seines Schwertes auf jene Stelle an der Brust des Dämons, die er zuvor schon getroffen hatte. Ein dünner Strahl von reiner Kraft löste sich von der Klinge und bohrte sich in den Körper des Ungeheuers. Schwarzes Blut spritzte zischend hervor.
Der Schlag verfehlte seine Wirkung nicht. Ein ersticktes Knurren entfloh der Kehle des Dämons. Das Ungeheuer riss seine abscheulichen Augen auf und brüllte ohrenbetäubend. Der stinkende Hauch war so stark, dass der entkräftete Lurano beinahe weggeweht wurde. Doch war dies nur eine kraftlose Drohung. Im nächsten Augenblick zog der Dämon sich zurück. Mit einem letzten Fauchen versank er gluckernd in der Tiefe, aus der er gekommen war.
Lurano hielt seinen unsichtbaren Schild hoch erhoben und wartete. Doch das Ungeheuer kehrte nicht zurück. Es hatte wohl nicht mit ernstzunehmender Gegenwehr gerechnet. Dass diese sogar im Stande gewesen war, es zu verletzen, mochte es eingeschüchtert haben. Vorerst…
Der Schild des Almars verwehte wie Staub im Wind, als dieser erschöpft sein Schwert sinken ließ. Mit seinem bloßen Willen versuchte Lurano die Blutung auf seiner Handfläche zu unterbinden, während er sich bemühte das Gleichgewicht zu halten. Er bemerkte, dass von dem Schiff nur mehr der kleine Teil des Buges, auf dem er stand, über Wasser war.
»Lurano!«, hörte er Dalor rufen.
Der Aurokanisa stand mit einigen anderen auf einem der Beiboote, das zwischen den Trümmern des Schiffes im aufgewühlten Wasser trieb. Das zweite Boot lag ganz in der Nähe. Drei Seeleute mühten sich dort ab, den strampelten und prustenden Orvur an Bord zu ziehen.
Lurano nahm seine letzte Kraft zusammen, vollzog einen übermenschlichen Sprung und landete neben Dalor auf dem Boot. Seine Beine gaben nach, doch der Turndura fing ihn auf, bevor er stürzen konnte.
»Wo sind die anderen?«, fragte Lurano, nachdem er sich wieder einigermaßen gefasst und einen sicheren Stand gefunden hatte.
»Das sind alle, die sich retten konnten«, sagte Dalor tonlos.<
Lurano ließ seinen Blick über die Überlebenden streifen. Neben Dalor saß Maddím, der Junge, den Orvur als Laufbursche verwendet hatte, dahinter eine der beiden blonden Zwillingsschwestern neben Fremwin, dem Koch. Bei Orvur waren fünf weitere Seeleute.
Luranos Magen zog sich zusammen. Er fand weder Naron noch Sagila oder Daren. Dalor und einige andere riefen die Namen der Vermissten in das Zwielicht des Morgens hinaus, doch nur das Rauschen des Meeres gab ihnen Antwort.
Nachdem er sich einem Augenblick Ruhe gestattet hatte, beschwor Lurano aus dem Nichts eine große, blasse Flamme herauf, die die Gewässer um das versunkene Schiff in ein schauriges Licht tauchte.