Kussmund

Der Kussmund (os osculi) ist ein Geschöpf aus einer fremden Welt. Es handelt sich bei ihm um ein harmloses, geselliges und gutmütiges Wesen, das jedem Kampf aus dem Weg geht und sich rein pflanzlich ernährt. Durch seine fünf Stielaugen, die in alle möglichen Richtungen blicken können, entgeht ihm kaum etwas, sodass er meistens rechtzeitig die Flucht ergreifen kann, wenn ihm Gefahr droht. Die Lippen eines Kussmundes sind besonders weich und empfindlich. Deshalb neigen diese Wesen dazu, ihre Umgebung mit Küssen zu überhäufen, um sie besser erfassen zu können. Treffen Artgenossen aufeinander, begrüßen sie einander mit Küssen auf die Lippen ihres Gegenübers, die mehrere Stunden dauern können.

Irrlichtklaue

Die Irrlichtklaue (unguis ignis fatui) findet man zumeist dort, wo es Nebel gibt, vor allem aber in Sümpfen. Wenn ihre Augen zu leuchten beginnen, hüllt sie ihre Klauen in fahles Feuer und zeichnet damit kunstvolle Muster in die Luft, um Beute anzulocken. Ihr Opfer hüllt sie mit ihren halbdurchsichtigen Schwingen ein, um ihm den Fluchtweg abzuschneiden und es dann mit ihrem mit Widerhaken besetzten Schweif aufzuspießen. Irrlichtklauen gelten als sehr durchtrieben, heimtückisch und schwer zu fassen. Sie bewegen sich trotz ihrer Größe fast lautlos und werden im dichten Nebel beinahe unsichtbar. Da sie in der Regel Einzelgänger sind und ein großes Revier für sich beanspruchen, kommt es nicht selten zu Kämpfen zwischen Artgenossen, die sie mit ihren in Feuer gehüllten Klauen austragen.

Mooskaninchen

Das Mooskaninchen (cuniculus muscosus) lebt am Waldboden und ernährt sich ausschließlich von Moosen. Dadurch, so meinen manche Gelehrte, wurde sein Körper über Jahrtausende selbst zur Pflanze. Raubtiere mögen den Geschmack seines Fleisches nicht und lassen es daher für gewöhnlich in Frieden, was die Annahme zu unterstützen scheint, dass ein Mooskaninchen bereits mehr Pflanze als Tier ist. Die kleinen Geschöpfe leben zumeist in kleinen Gruppen an kühlen, schattigen Orten, umgeben von ihrer Lieblingsnahrung. Nähert sich ihnen jemand, kauern sie sich zusammen und geben vor, Moos zu sein. Da ihr Fell nicht nur so aussieht, sondern sich auch anfühlt wie Moos, kann man es sogar berühren, ohne zu bemerken, worum es sich dabei handelt.

Leuchtschleiche

Die Leuchtschleiche (anguis lucida) lebt in finsteren Höhlen, in die kein Licht mehr vordringt. Sie ist blind, verfügt aber über ein Grubenorgan an der Spitze ihrer Schnauze, das es ihr ermöglicht Infrarotstrahlung wahrzunehmen. Zudem kann sie durch ihre dreigespaltene Zunge sogar die schwächsten geruchlichen Veränderungen in der Luft erfassen. Den größten Teil ihres Lebens verbringt sie reglos in stiller Dunkelheit. Nähert sich ihr jedoch Beute, beginnt ihre milchweiße Haut in einem orangeroten Licht zu leuchten, das diese zu ihr locken soll. Wird eine Leuchtschleiche in die Enge getrieben, kann sie die Spitze ihres Schweifes abwerfen, die dann noch mehrere Minuten lang in einem grellen Licht erstrahlt und ihr für gewöhnlich die Flucht vor dem abgelenkten Feind ermöglicht.

Die Freipfeile

In den finsteren Wäldern Theladiens begab es sich, dass ein junger Stammesfürst auf der Suche nach Jägern für sein Gefolge war. Evalos war sein Name und er stand in dem Ruf, sich nur mit den besten Bogenschützen zu umgeben, die er bisweilen auf tagelange Ausritte in den Wald führte, um das scheueste Wild oder die wildesten Ungeheuer zu erlegen. Bereits zum vierten Mal veranstaltete er ein großes Fest zu Ehren der Jagdgöttin, das in einem Wettkampf enden sollte, bei dem er sich neue Jagdgefährten erwählte. Die Freipfeile weiterlesen

Die Mähne des Löwen

Tief in den Wäldern des Südens gab es eine große Lichtung. Liebliche Weiher lagen inmitten sanfter, von allerlei duftenden Gräsern und Kräutern bewachsener Hügel. Zu jeder Zeit des Jahres waren die Wiesen von einer Vielzahl bunter Blumen jeglicher Farbe und Gestalt überschwemmt. Kleine, weiße Blüten blitzten wie Abbilder der Sterne am Abendhimmel aus dem Grün des Grases hervor. Dazwischen erhoben sich große, rote Blumen, fast als wollten sie der Sonne ihren Platz am Himmel streitig machen. Bläuliche säumten die Ufer der Weiher, deren Oberflächen von Seerosen aller Art überwuchert wurden. Die Mähne des Löwen weiterlesen

Der Sohn des Meeres

Es war ein klarer Herbstmorgen, als Narvanros die Küste von Havalan erreichte. Der Wolf Belph war ihm ein treuer Begleiter gewesen, doch die Zeit ihres Abschiedes stand unmittelbar bevor. Keine zwei Tagesreisen südlich befand sich eine kleine Hafenstadt, in der gelegentlich Schiffe anlegten. Mit ein wenig Glück würde er dort ein Schiff finden, das ihn in den Süden nach Aëg Lûr brachte, wo er wie gewohnt den Winter verbringen würde. Über einen steinigen Pfad stiegen Mann und Wolf zum Kieselstrand hinab. Dort würden sie ein wenig leichter vorankommen als durch das wilden Gestrüpp der Hochlande. Der Sohn des Meeres weiterlesen

Geschichten und Bilder von Martin Krois