
Einleitung
Eines Tages fand ein ganz normaler Durchschnittsbürger, der von allen nur Randalf der Raue genannt wird, hinter seinem Schreibtisch ein Tor, das in eine andere Welt führte. Was ihn dort erwartete, war jedoch keine epische Heldenreise und kein Kampf um das Schicksal des Universums, sondern der schnöde Alltag einer Stadt, in der es vor seltsamen Gestalten und noch seltsameren Begebenheiten nur so wimmelte.
So muss sich Randalf bald mit Sammelkartensüchtigen, Sektenanhängern, Ungeheuern und allerlei eigenartigen Weggefährten herumschlagen, während er versucht, Kresse für seinen größenwahnsinnigen Boss zu besorgen. Eine denkwürdige Odyssee beginnt, die ihn in die finstersten Ecken einer Stadt führt, in der allein der Irrsinn herrscht …
Reist in die Welt auf der anderen Seite des Schreibtisches, wie es Euch gefällt:



Leseprobe aus Episode IX
Langsam fiel die Anspannung von mir ab. In einem seltenen Anflug von Großmut hatte mir mein Boss tatsächlich Unterstützung geschickt. Auch wenn ich mich dadurch ein wenig gekränkt fühlte, überwog im Moment Dankbarkeit.
»Sie kommen wie gerufen«, sagte ich. »Wie kann ich mich dafür erkenntlich zeigen?«
»Das wird nicht nötig sein«, erwiderte der Lehrer knapp. »Ich mache nur meinen Job.« Er ließ seinen Blick durch die zugemüllte Gasse zur Tür der Bar schweifen. »Wir sollten hier nicht verweilen. Das ist eine gefährliche Gegend.«
»Was Sie nicht sagen«, erwiderte ich. Mit den Fingerspitzen hob ich das Sandwich auf, das Mülltoni mir aufdrängen hatte wollen, und ließ es in den nächsten Abfalleimer fallen. Erst nachdem ich es unter einigen leeren Lackdosen begraben hatte, atmete ich auf.
Als ich mich umdrehte, sah ich, dass der Lehrer neben Mülltoni kniete und soeben die Karten aus dessen Henkeln befreite. »Was sollen wir eigentlich mit dem machen?«, fragte er mich. »Da er deinem Auftrag offenbar im Weg stand, sollten wir ihn vielleicht liquidieren.«
Wie aus dem Nichts erschienen zwei kleine Geodreiecke in seinen behandschuhten Händen. Da ich gesehen hatte, wozu er mit einfachen Spielkarten aus Papier fähig war, graute mir vor dem, was er mit spitzen Messgeräten aus Plastik machen würde.
»Nein, nicht!«, rief ich. »Es ist nicht seine Schuld!«
Der Lehrer hielt inne. Über die Ränder seiner Sonnenbrille hinweg blickte er mich fragend an. So erzählte ich ihm in kurzen Sätzen, was geschehen war. Er lauschte mir aufmerksam. Dann stand er auf.
»›Doms Döner‹ also«, murmelte er nachdenklich. »Ein klarer Fall von Gehirnwäsche. Ja, ganz eindeutig. Das trägt die Handschrift der Domus-Sekte. Denen war immer schon jedes Mittel recht, um die Weltherrschaft an sich zu reißen. Wie viele gute Schülerinnen und Schüler habe ich schon an sie verloren?« Seufzend ließ er die Geodreiecke aus seinen Händen verschwinden. »Früher oder später wird sich jemand um diese Leute kümmern müssen …« Bei diesen Worten huschte sein Blick aus irgendeinem Grund zu mir.
»Wie dem auch sei«, fuhr der Lehrer fort. »Ich kenne jemanden, der sich mit Gehirnwäsche auskennt. Den renommierten Quantenphysiker Atom Propulsor, um genau zu sein. Vielleicht hast du ja schon von ihm gehört.« Er blickte auf seine sportliche Armbanduhr hinab. »Leider wohnt er oben am Rand der Innenstadt. Ich denke nicht, dass uns so viel Zeit bleibt.«
»Weshalb?«, fragte ich bestürzt. »Steht es so schlecht um Mülltoni?«
Der Lehrer schüttelte den Kopf. »Natürlich nicht. Er wird es überleben. Aber ich muss zurück in die Schule. Die Pause ist so gut wie um. Außerdem sollte ich dich daran erinnern, dass Luigi der Lappen immer noch auf seine Lügenkresse wartet. Er wird wohl langsam ungeduldig, lässt dir Big Horse ausrichten.«
Ich seufzte angestrengt. Vor mir wand sich Mülltoni immer noch unter Schmerzen am Boden. Luigi der Lappen und seine Lügenkresse waren mir im Augenblick ziemlich egal. »Und weiter? Gibt es denn keine andere Möglichkeit?«
Der Lehrer kratzte sich nachdenklich am Kinn. Dann schnippte er mit den Fingern. »Die Schule!«
»Ja, ich weiß, dass Sie zurück in die Schule müssen«, grummelte ich missmutig. »Aber ich werde Mülltoni nicht hier liegen lassen. Mitnehmen kann ich ihn aber auch nicht. Also werde ich wohl oder übel hier bleiben, bis mir eine Lösung für dieses kleine Problem einfällt. Und ohne mich bekommt Luigi keine Kresse. Der Boss wird sehr wütend sein. Auf mich, auf Sie …«
»Du missverstehst mich, Randalf«, erwiderte der Lehrer streng. »Ich hätte dich für klüger gehalten. Alles, was wir brauchen, um deinen Freund zu einem etwas angenehmeren Zeitgenossen zu machen, ist ein Fernseher und der Lehrfilm ›Gehirnwäsche für Anfänger‹. Und wo findet man beides?«
»In der Schule?«, fragte ich.
»Richtig, setzen!«, entgegnete der Lehrer.
Um Mülltoni in besagte Schule zu bringen, mussten wir ihn zuerst einmal ruhigstellen. Die Aussicht darauf, von seinem religiösen Eifer geheilt zu werden, behagte ihm gar nicht. So schlug er um sich, bis wir ihn mit einem langen Kabel, das der Lehrer im Müll gefunden hatte, gefesselt hatten. Zudem knebelten wir ihn mit meiner Wollmütze, damit er uns nicht mehr mit seinem Gerede vom Meister und der Erlösung auf die Nerven ging.
Nachdem Mülltoni dann fachgerecht verschnürt war, warf ihn sich der Lehrer wie einen Sack über die Schultern. Seinen Aktenkoffer drückte der schwarzgewandete Mann mir in die Hand. »Wenn etwas fehlt, bist du tot, ganz egal, wie viel Big Horse mir bezahlt«, warnte er mich.
Ich nickte beleidigt. Wofür hielt mich dieser Kerl? Ich wollte gar nicht wissen, was sich in seinem Koffer befand. Ich hatte schon genügend Schwierigkeiten.
Gemeinsam schlugen wir uns durch ein halbes Dutzend zugemüllter Gassen, bis wir die nächste Straße erreicht hatten. Dort übernahm der Lehrer die Führung. Trotz seiner Last ging er so schnell, dass ich nur mit Mühe mithalten konnte und mir vorkam wie ein Kind, das einem Erwachsenen hinterherlief.
Ich redete mir ein, dass das vor allem daran lag, dass ich an diesem Tag schon viel zu lang unterwegs war und immer noch großen Hunger hatte. Wann immer wir an einem Restaurant vorbeikamen, blickte ich sehnsüchtig durch dessen Fenster. Dann erschauderte ich bei dem Gedanken, hinter wie vielen der schönen Fassaden sich wohl das Hauptquartier einer Sekte verbergen mochte, die heimlich nach der Weltherrschaft strebte. Wieder einmal hatte es diese Stadt geschafft, mir jegliches Vertrauen in ihre Bewohner zu nehmen.
Zehn Minuten später hatten wir unser Ziel dann erreicht. Das Schulgebäude, in dem der Lehrer arbeitete, war ein hässlicher, drei Stockwerke hoher Betonklotz. Die in abblätternder gelber Farbe gestrichenen Außenmauern waren über und über mit anstößigen Graffiti bedeckt. Die Fenster waren vergittert, das große Eingangstor bestand aus Stahl, der aussah, als hätte sich dort jemand mit einem Rammbock ausgetobt. Die Anzahl der davor verstreuten Zigarettenstummel hätten jeden Aschenbecher vor Neid erblassen lassen. Dazwischen fanden sich die Reste von Spritzen und allerlei anderen Werkzeugen, die der Drogenzufuhr dienten. Ein grauenhafter, undefinierbarer Gestank lag in der Luft.
Als ich an der abweisenden Fassade hochblickte, suchten mich nicht eben angenehme Erinnerungen an meine eigene Schulzeit heim. Nicht, dass ich ein schlechter Schüler gewesen wäre. Ich hatte sogar immer recht annehmbare Noten gehabt. Der Religionsunterricht war meine einzige Schwäche gewesen, hatte ich doch laufend meinem Lehrer gegenüber die Existenz höherer Mächte in Frage gestellt. Darüber hinaus waren mir Schulen immer schon zu laut und zu belebt gewesen. Früh hatte ich bemerkt, dass ich es nicht mochte, unter Menschen zu sein. Ein wenig später, dass dieses Gefühl auch Saurier, Riesenkakerlaken und alle möglichen anderen Geschöpfe miteinschloss.
»Wir sollten den Hintereingang nehmen«, riss mich der Lehrer aus meinen Gedanken. »Ich würde nur ungern wieder mit der Schulwartin aneinandergeraten. Sie ist mir immer noch böse, weil ich letzten Monat zwei Leichen in den Toiletten im zweiten Stock entsorgt habe. Sie meinte, das würde die Rohre verstopfen. Ich sollte doch lieber …«
»Das«, unterbrach ich ihn, »will ich gar nicht so genau wissen.«
Über ein offenes Tor gelangten wir in einen schäbigen, von hohen Mauern und Stacheldraht umzäunten Hof. Finster und drohend blickte das Schulgebäude zu meiner Rechten auf eine Wüste aus Beton und Asphalt herab. In deren Mitte kämpfte ein einsamer, verkümmerter Baum um sein Leben.
Unter dem Baum saß ein durchtrainierter Halbstarker in gefälschter Markenkleidung, der sich mit einem Bündel Geldscheinen Luft zufächelte. Schon aus der Ferne erkannte ich, dass es sich bei den Scheinen um wertlose Fräßers handelte. Mehrere schmächtige Burschen, die alle dieselben kurzen Hosen und Kappen trugen, lachten gekünstelt über die Witze des Möchtegernprahlers.
Eine stark geschminkte Jugendliche in einem sehr kurzen Rock und bauchfreien Tanktop beobachtete die Gruppe von der anderen Seite des Hofes, während sie mit einem Klappmesser spielte. Zu ihrer Rechten aß ein pickeliger Saurier in einem viel zu engen T-Shirt lebende Ratten aus einer Brotdose.
In einer dunklen Ecke zwischen den Mauern gingen mehrere Duliöhsüchtige ihrer Lieblingsbeschäftigung nach. »Wenn du deine Querquierlige Quellenqualmquarzquälerqualle nicht gegen mein Kleinkomisches Krugkriecherkachelkängurukalb tauschst, bringe ich dich um«, schrie einer von ihnen, bevor er mit einem Schlagring auf einen anderen losging.
Seltsamerweise schien sich der Lehrer nicht daran zu stören. Auch, dass anderswo zwei Riesenkakerlaken mit brennenden Baseballschlägern aufeinander einprügelten, kümmerte ihn offenbar nicht.
»Was für ein lieblicher Ort …«, murmelte ich.
Der Lehrer warf mir über die Ränder seiner Sonnenbrille einen unergründlichen Blick zu. Fast hatte ich den Eindruck, er würde sich über mich amüsieren.
Plötzlich verhärteten sich seine Gesichtszüge. In seiner Hand erschien ein Rotstift, den er so nahe an meinem Kopf vorbeischleuderte, dass ich den Windzug spürte und ein paar meiner Haare verlor.
Auf der linken Seite des Tores, durch das wir eben gekommen waren, bohrte sich der Stift in die angrenzende Mauer – nur Millimeter von der Nase eines schlaksigen Burschen entfernt. Der Kerl trug einen ärmellosen roten Rollkragenpullover und auf dem Rücken ein breites Schwert, das beinahe so lang war wie er groß.
»Viktor!«, gellte der Ruf des Lehrers über den Hof. Ein weiterer Rotstift lag wurfbereit in seiner Hand. »Wie oft muss ich dir eigentlich noch sagen, dass in der Schule Klingen mit einer Länge von über einem Meter verboten sind?«
Der Bursche namens Viktor machte große Augen. Seine rechte Hand wanderte langsam zum Heft des Schwertes. Dann ließ er sie sinken und trat eilends den Rückzug an.
Einmal mehr rückte der Lehrer seine Sonnenbrille zurecht. »Nicht zu fassen, diese Jugend heutzutage …«, murmelte er. »Wenn ich diesen Bengel noch einmal erwische, lasse ich ihn dreihundertmal ›Nur durch Gehorsam gegenüber dem Meister findest du zur Erlösung ‹ an die Tafel schreiben.«
Bei diesen Worten zuckte ich zusammen. Es war höchste Zeit, Mülltoni von seinem Leid zu erlösen. Und sei es auch nur deshalb, weil ich diesen grauenhaften Ort so schnell wie möglich wieder verlassen wollte, ehe ich mir noch weitere Schwierigkeiten einhandelte.
Eilig folgte ich dem Lehrer zur Hintertür der Schule – in banger Erwartung, was wohl jenseits davon lauern mochte.
