Auf der anderen Seite des Schreibtisches

Episode I: Ein zwielichtiger Deal

Auf der anderen Seite des Schreibtisches öffnete sich ein Tor in eine andere Welt. Ich stieg hindurch und hier bin ich nun – gefangen in einer Stadt, in der der Irrsinn herrscht.

Mit einem unguten Gefühl im Magen betrat ich das Lagerhaus in einer der schlimmsten Gegenden der Stadt. BH-42 stand in abblätternder Farbe auf der rostigen Tür, die hinter mir mit einem gequälten Quietschen ins Schloss fiel. Es klang beinahe wie ein Schrei. Das Lagerhaus empfing mich mit einem schummrigen, flackernden Licht und dem Geruch abgestandener Luft. Regale, die bis zur Decke reichten, umgaben mich zu beiden Seiten. Was sich darauf befand, konnte ich nicht sagen, denn schwere verstaubte Planen verdeckten die Sicht darauf.
Es war mir schleierhaft, warum ich den Kunden ausgerechnet an einem Ort wie diesem treffen sollte. Wie üblich hatte Horses mir diesen Deal verschafft. Wie üblich war an der Sache etwas faul.
Zum wiederholten Male fragte ich mich, was ich da eigentlich tat. Es war nicht das erste Mal, dass ich mich an einem zwielichtigen Ort mit einem noch zwielichtigeren Individuum traf, um ihm gefälschte Spielkarten zu verkaufen – Duliöhkarten, um genau zu sein. Das Spiel hatte seine besten Zeiten längst hinter sich, die Karten gab es aber immer noch überall zu kaufen. Die Preise waren so niedrig, dass man sie beinahe geschenkt bekam. Das hielt die Leute aber nicht davon ab, die Karten zu fälschen und zu Wucherpreisen auf dem Schwarzmarkt zu verkaufen. Ich hatte längst aufgegeben, die Logik dahinter zu suchen. Vermutlich hatte Horses da seine Finger im Spiel, wie er bei allem, was in dieser Stadt geschah, seine Finger im Spiel zu haben schien.
Ich vergewisserte mich, dass die Ware noch immer in einer der unzähligen Taschen meines viel zu langen, zerfledderten Regenmantels war, rückte Wollhaube und Sonnenbrille zurecht und trat zwischen den Regalen hindurch in die Mitte des Lagerhauses. Dort hatte wohl jemand eine Party gefeiert, denn überall lagen leere Plastikflaschen und zerdrückte Pappbecher herum. Es stank entsetzlich nach Erbrochenem.
Der Kunde wartete bereits. Es war irgendein Halbstarker – nicht älter als zwanzig – mit einem Scheitel, der seine rechte Gesichtshälfte zum größten Teil verdeckte. Seine Haarspitzen waren rosa gefärbt, er trug ein schmutziges weißes T-Shirt mit dem Logo irgendeiner Band und zerrissene schwarze Hosen. Er war augenscheinlich allein, doch konnte man das im flackernden Zwielicht nicht genau sagen.
Mein ungutes Gefühl wurde stärker, als ich den Burschen sah. Sein linkes Augenlid zuckte, seine Hand zitterte. Er war offensichtlich ein Duliöhsüchtiger. Es gab tatsächlich Menschen, die sich dem Kartenspiel so sehr verschrieben hatten, dass sie nicht mehr ohne es leben wollten und Entzugserscheinungen bekamen, wenn man sie von ihren Karten trennte. Dieser hier brauchte dringend Nachschub.
Inständig hoffte ich, dass er nicht bemerken würde, dass die Karten, die ich ihm verkaufen wollte, gefälscht waren. Horses hatte zwar behauptet, dass nicht einmal ein Experte den Unterschied erkennen würde, aber ich hatte bereits gelernt, nicht auf seine Einschätzungen zu vertrauen.
»Randalf der Raue«, begrüßte mich der Kunde.
»Eigentlich heiße ich…«, erwiderte ich seufzend. Irgendwer – wahrscheinlich wieder Horses – hatte mir diesen Namen gegeben, da er meinen richtigen Namen nicht aussprechen konnte. Seither nannte mich jeder in dieser Welt so. Bei all den seltsamen Gestalten, die in dieser Stadt lebten, war das wohl ein ganz gewöhnlicher Name.
»Hast du den Stoff, Mann?«, fragte der Kunde heiser.
Ich zog ein zerknittertes Kuvert aus meinem Mantel. Darin befanden sich fünfundzwanzig gefälschte Duliöhkarten – darunter auch die besonders begehrten Karten »Halbharter Hinterhöhlenholzhöllenhase« und »Fleischfarbener Fruchtfederfabelföhrenfisch«. Wer auch immer diese Karten benannt hatte, musste hielt sich wohl für einen Meister der Alliterationen.
»Wie bestellt«, antwortete ich, während ich mit dem Kuvert vor der Nase des Kunden herumwedelte. Dessen triefenden Augen folgten der Bewegung. »Hast du das Geld?«, fügte ich hinzu.
Der junge Bursche wühlte hektisch in den Taschen seiner zerrissenen Hose herum. Das Kuvert mit den Karten ließ er dabei nicht aus den Augen. Schließlich fand er ein paar zerknüllte Scheine und hielt sie mir mit zitternder Hand entgegen. »Das sollte reichen…«, meinte er, während er die andere Hand nach dem Kuvert ausstreckte.
Ich warf einen Blick auf die Geldscheine und seufzte angestrengt. Nicht nur, dass die Scheine von Motten zerfressen waren und nach modrigem Holz rochen. Ein krakeliges Bild, das wohl den Kakerlakengott Lik darstellen sollte, war darauf zu sehen. Es sah beinahe so aus, als hätte ein Kind das gezeichnet – was gar nicht so unwahrscheinlich war. Nachdem ich nun bereits ein halbes Jahr in diesem Geschäft tätig war, konnte ich es nicht fassen, dass es immer noch Leute gab, die glaubten, außerhalb von Müllhalden mit Fräßers bezahlen zu können. Es gab ein Gesetz, wonach jeder das Recht hatte, die Währung der Kakerlaken zu fälschen, ohne dafür belangt zu werden. Dementsprechend wertlos waren die Scheine auch.
»Tut mir leid, aber Fräßers nehme ich nicht«, sagte ich. Sogleich ließ ich das Kuvert mit den Duliöhkarten wieder in meinem Mantel verschwinden.
Der Bursche wurde sichtlich nervös. »Mann, sei doch kein Spielverderber…«, sagte er mit zittriger Stimme. Ich verschränkte die Arme vor der Brust und verzog keine Miene.
»Also gut…«, murmelte der junge Mann. »Das geht auf dein Konto, Mann… Schnappt ihn euch, Jungs!«
Aus einer Gasse zwischen den Regalen tauchten zwei weitere Halbstarke auf. Allem Anschein nach waren sie ebenfalls Duliöhsüchtige, denn sie sahen ihrem Leidensgenossen zum Verwechseln ähnlich. Nur wer ganz genau hinsah, hätte sie durch die Art, wie sie ihre Haare gestylt hatten, möglicherweise voneinander unterscheiden können. Individualität war eine Sache, die es in dieser Welt kaum gab. An solche Seltsamkeiten hatte ich mich schon so gewöhnt, dass sie mir kaum noch auffielen.
Fast schon instinktiv nahm ich eine Abwehrhaltung aus dem Granitschgo-Stil ein. Davon ließen sich die drei Halbstarken nicht beeindrucken. Unbeholfen gingen sie zum Angriff über. Ihre Schläge waren ziellos wie die von Betrunkenen. Ich wich aus und schickte sie mit zwei schnellen Hieben und einem Tritt zu Boden. Es war bei weitem nicht das erste Mal, dass ich mich bei einem von Horses eingefädelten Deal zur Wehr setzen musste.
Aus dem Schatten hinter mir tauchte ein weiterer Duliöhsüchtiger auf und zwang mich zurückzuweichen. Er war nicht allein. Es war, als hätte ich in ein Wespennest gestochen. In der Mitte des Lagerhauses angelangt, sah ich mich dann von heruntergekommenen Halbstarken umringt. Mindestens zwei Dutzend Duliöhsüchtige mit zuckenden Augen und rosa gefärbten Haarspitzen starrten mich angriffslustig an. Allein waren sie schwach, doch gegen eine solche Übermacht würde mir auch der Granitschgo-Stil nicht helfen. Vorsichtig tastete ich am Boden nicht etwas, das ich als Waffe benutzen konnte. Meine Hand fand eine leere Plastikflasche – das musste reichen.
»Gib uns die Karten, Mann, und verschwinde von hier!«, sagte einer der Süchtigen. Ich konnte nicht erkennen, welcher es war. Sie sahen alle gleich aus. Auch ihre Stimmen unterschieden sich kaum voneinander.
»Kommt und holt sie euch!«, entgegnete ich herausfordernd.
Dann begann ich mir mit meiner Plastikflasche einen Weg durch die Feinde zu bahnen. Links und rechts verteilte ich Hiebe, doch diese Burschen ließen nicht locker. Ein schlecht gezielter Schlag traf meine Sonnenbrille, jemand riss einen Teil meines Mantels ab.
Ich war froh, als ich endlich zurück zwischen den Regalen war. In diesem Engpass war ihre Übermacht bedeutungslos. Während ich die Duliöhsüchtigen mit der Plastikflasche auf Abstand hielt, wich ich weiter in Richtung der Tür zurück, durch die ich gekommen war. Dort erwartete mich allerdings ein unvorhergesehenes Hindernis.
Was da auf mich zuwankte, war kein einfacher Süchtiger mehr, es war eine Leiche, ein Zombie. Ganz wie klischeehafte Zombies nach Gehirnen stöhnten, stöhnte dieser mit blutunterlaufenen Augen und kaum mehr menschlichem Gesichtsausdruck: »Karten… Karten…«
An der Duliöhleiche führte kein Weg vorbei. Widerwillig trennte ich mich von meiner Ware. In hohem Bogen warf ich das Kuvert zwischen die Süchtigen. Der Zombie wankte mit einem aufgeregten »Karten!« von der Tür weg. Wie Geier auf einen Kadaver stürzten sich zwanzig Halbstarke auf die gefälschten Karten.
Ich nutzte die Gelegenheit und schlüpfte ins Freie. Noch während ich die Tür hinter mir schloss, rannte ich los. Gerade als ich in die nächste Seitengasse einbog, ertönte aus der Lagerhalle ein ebenso lauter wie gequälter Schrei: »Fäääälschuuuuung!!!«

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