Verrat!
Auf der anderen Seite des Schreibtisches öffnete sich ein Tor in eine andere Welt. Ich stieg hindurch und hier bin ich nun – gefangen in einer Stadt, in der der Irrsinn herrscht.
Aufgeschreckt vom fernen Klang einer Polizeisirene sprang ich auf. Ich befand mich immer noch in der Küche, die mittlerweile von einem angenehmen Duft nach warmer Suppe erfüllt war. Luigi der Lappen stand leise vor sich hin trällernd vor dem Herd und rührte gelegentlich mit einem gewaltigen Löffel in dem rostigen Topf, der dort vor sich hin köchelte. Mein Freund Mülltoni beobachtete ihn gespannt dabei – fast wie ein Hund, der auf Reste hoffte.
Seufzend ließ ich mich zurück auf die Couch sinken. Das zerschlissene Kunstleder war ziemlich unbequem, aber bequem genug, dass ich offenbar eingeschlafen war. Nicht, dass mich das gestört hätte. Im Gegenteil. Ich hätte gerne noch länger geschlafen, doch erinnerte mich der Geruch der Suppe daran, wie hungrig ich war.
Mein Magen knurrte laut – so laut, dass Luigi es mitbekam. »Ihr seid übrigens herzlich eingeladen, mir beim Essen Gesellschaft zu leisten«, sagte er mit einem breiten Lächeln. »In der Suppe liegt die Kraft, wie meiner Mutter immer sagte. Und es ist genug für alle da.«
»Voll krass, danke Alter, da sagen wir nicht nein«, kam mir Mülltoni mit einem Freudensprung zuvor. Ich schloss mich ihm nickend an. Es war nur recht und billig, dass wir auch etwas von der Lügenkresse haben sollten, für die wir so viele Mühen auf uns genommen hatten.
Schon bald saßen ich mit Mülltoni an dem kleinen Esstisch, der die Mitte der Küche einnahm und wartete darauf, dass Luigi das Essen servieren würde. Dabei fiel mir auf, dass der Tisch für vier gedeckt war. »Erwarten Sie noch jemanden?«, wollte ich wissen.
»Ob du es glaubst oder nicht, der Boss wird uns Gesellschaft leisten«, erwiderte Luigi. »Er dreht gerade in der Nähe eine Drohbotschaft. Danach wollte er sich ansehen, wie die Geschäfte so laufen.«
»Ah ja, sicher«, sagte ich, kaum überzeugt. Ich wusste jetzt schon, dass Horses nicht kommen würde. Ich konnte mich nicht daran erinnern, dass er auch nur ein einziges Mal eine Verabredung eingehalten hätte. Als derjenige, der in dieser Stadt das Sagen hatte, hatte er es nicht nötig, sich mit seinen Angestellten abzugeben.
Und trotzdem bestand wohl die verschwindend geringe Chance, dass er doch auftauchen würde. Für diesen unwahrscheinlichen Fall fühlte ich mich bemüßigt, Luigi zu warnen. »Ich denke, Ihre Operation hier wurde infiltriert«, vertraute ich ihm an. »Draußen in der Halle habe ich Polizisten und Duliöhsüchtige gesehen, die sich als Ihre Mitarbeiter ausgeben.«
Luigi schnaubte. Sein Schnurrbart zitterte. »Unsinn«, knurrte er. »Meine Wachleute sind viel zu gut, um das zuzulassen. Brutus und Stultus sind jeden einzelnen Göld wert, den ich ihnen nicht zahle. Das sage ich nicht nur, weil sie die Stiefsöhne meiner Cousine dritten Grades sind, sondern …«
Er verstummte, als einer seiner Arbeiter in die Küche stürzte und schlitternd vor ihm zu stehen kam. »Boss, wir haben ein Problem«, keuchte der Mann außer Atem.
»Mein lieber Junge, es gibt keine Probleme, nur Suppe«, erwiderte Luigi, indem er den Mann kameradschaftlich den Arm auf die Schulter legte. »Was ist los? Sind euch die Rohlinge ausgegangen? Oder hat wieder mal einer von euch zu viel Farbe inhaliert?«
»Ja, das auch«, krächzte der Mann. »Aber nein, das ist es nicht. Duliöhsüchtige! Hunderte von ihnen. Sie stürmen die Halle.«
»Was?«, schrie Luigi. Aufgebracht riss er sich die Schürze vom Leib. »Mir bliebt auch nichts erspart.« Mit einem letzten, wehmütigen Blick auf seinen Suppentopf stürmte er in die Halle hinaus.
Mülltoni blickte mich fragend an. Ich seufzte laut und zuckte mit den Schultern. Dann stand auf. Aus dem versprochenen Abendessen würde wohl nichts werden.
In der Lagerhalle herrschte ein wildes Durcheinander. Tatsächlich hatte der Mann nicht übertrieben. Dutzende junge Männer in schmutzigen weißen T-Shirts und zerrissenen schwarzen Hosen liefen zwischen den Maschinen umher, stopften sich Spielkarten in die Taschen, prügelten sich mit den Arbeitern oder miteinander um besonders begehrte Stücke. Eine Frau in einem langen türkisen Mantel hatte eine der Druckerpressen erklommen und feuerte die Menge an. »Karten! Karten! Karten!!!«, rief sie, indem sie mit einem wahnsinnigen Lachen ebendiese auf ihre Anhänger hinabregnen ließ.
Mit Schaudern erinnerte ich mich an die Schlacht auf dem Schulhof. Das hier war schlimmer. Nicht nur, dass die Zahl der Duliöhsüchtigen mit jedem Augenblick noch größer wurde – wie Raubtiere stürzten sie sich auf jeden, der zwischen ihnen und ihrer Beute stand, zerfetzten altes Papier, brachten Berge von mühselig übereinander getürmten Schachteln zum Einsturz. Die Luft war erfüllt von ihren Rufen und den gefälschten Duliöhkarten, die sie durch ihr Wüten aufgewirbelt hatten.
Während ich meinen Blick über das Schlachtfeld schweifen ließ, begriff ich, dass es nichts gab, was ich hätte tun können. Mit zitternden Händen hob ich zwei Karten – »Justjeweiliger Jungjuwelenjuxjammerjodler« und »Yamsyetischer Yachtyardyakyogayoghurt« – vom Boden auf. Blut klebte daran.
»Wie kann das sein?«, murmelte Luigi fassungslos. »Wir hatten doch alles perfekt gesichert, so viele Köder am anderen Ende der Stadt ausgelegt. Verrat … Es muss sich um Verrat handeln.«
»Wie Recht du doch hast«, sagte eine Stimme. Aus dem Rauch, der über einem zusammengebrochenen Kistenturm lag, traten zwei finstere Gestalten, mit Maschinenpistolen bewaffnete Gestalten hervor. Es waren Brutus und Stultus, die beiden Wachmänner.
»Auch du, Brutus?«, keuchte Luigi entsetzt. »Warum? Warum tust du mir das an?«
Ein irres Grinsen huschte über Brutus’ Gesicht. Dann riss er sich seinen abgetragenen Anzug vom Leib. Darunter kam ein schmutziges weißes T-Shirt zum Vorschein. Zugleich entledigte er sich seiner blonden Haare, die offenbar nur eine Perücke waren, unter der er seine rosa gefärbten Strähnen versteckt hatte. Er war ohne jeden Zweifel ein Duliöhsüchtiger.
Sein Kamerad tat es ihm gleich. Dann nahmen die beiden falschen Wachleute eine seltsame Pose ein, bei der sie mit verschränkten Armen und angewinkelten Beinen Rücken an Rücken standen und einander die Läufe ihrer Maschinenpistolen unter die Nase hielten.
»Deine Schreckensherrschaft endet hier!«, riefen sie wie aus einem Mund. »Schon zu lange überschwemmst du die Stadt mit deinen minderwertigen Fälschungen! So viele von uns sind daran zu Grunde gegangen. Heute wirst du dafür büßen!«
Luigi blinzelte verwirrt. Tränen standen in seinen Augen. »Aber … Aber ich habe das alles doch nur für euch getan … Ihr seid wie Söhne für mich …«
Stultus brachte ihn zum Schweigen, indem er lachend eine Salve aus seiner Maschinenpistole in einer Kiste mit gefälschten Karten entlud. Der Mann im Schutzanzug, der sich dahinter versteckt hatte, rannte mit einem schrillen Kreischen davon. Er kam nicht allzu weit, denn schon stürzten sich ein Dutzend Duliöhsüchtige auf ihn. Seine Schreie gingen in den Rufen nach Karten unter.
»Alter …«, murmelte mir Mülltoni zu. »Ich denke, wir sollten von hier verschwinden.«
Ich stimmte ihm nickend zu. Allerdings war wohl jeder Fluchtversuch zwecklos. Zwischen uns und dem Weg nach draußen waren nicht nur zwei bewaffnete Männer, sondern ein beständig wachsendes Meer von Feinden, die uns erbarmungslos jagen würden. Beinahe wünschte ich mir jetzt ein paar Möhrenjünger oder Anhänger der Domus-Sekte, die den Feind eine Weile ablenken würden.
»Keiner bewegt sich!«, übertönte da eine durch ein Megafon verstärkte Stimme den Lärm. »Das ist eine Razzia! Widerstand ist zwecklos! Das Gebäude ist umstellt!« Das grelle Licht von unzähligen Suchscheinwerfern flutete durch die Fenster in die Halle. Polizisten in Uniform stürmten durch alle Eingänge. Einige der Arbeiter entpuppten sich – wie ich schon vermutet hatte – ebenfalls als Polizisten und richteten ihre Waffen auf Fälscher und Duliöhsüchtige gleichermaßen.
Stille legte sich über das Schlachtfeld. Irgendwo über uns kreiste ein Hubschrauber mit ohrenbetäubendem Getöse und doch war es seltsam still in der Halle. Flankiert von einem Dutzend weiterer Beamter trat ein äußerst wichtig aussehender Polizist in einem langen grünen Regenmantel in die Halle. Ein spitzer Kinnbart verstärkte das selbstgefällige Grinsen auf seinem Gesicht, seine Augen lagen im Schatten unter seinem breiten, grünen Hut.
Mülltoni erbleichte. »Oh nein, oh nein, nein, nein, nein. Nicht der. Wenn der mich sieht, bin ich tot …«
Seinen Worten war nicht schwer zu entnehmen, dass es sich bei dem Mann im Regenmantel wohl um den Polizeichef handelte, dem mein Freund die Frau ausgespannt hatte. Schon zuvor waren wir wegen dieser Sache in Schwierigkeiten geraten. Nicht, dass das im Anbetracht der Lage sonderlich bedeutsam erschien. Bei all den Leuten, die uns an den Kragen wollten – was war da schon einer mehr?
»So so«, säuselte der Mann in Grün, während er Achtung heischend über seinen Spitzbart strich. Unter der Krempe des Hutes blitzten seine Augen hervor. Sein Blick war unangenehm stechend. Irgendetwas stimmte mit diesem Mann nicht. Falls er denn überhaupt ein gewöhnlicher Mann war, kam es mir in den Sinn. Ich verstand jetzt, warum Mülltoni so große Angst vor ihm hatte.
Langsam und unheilvoll klatschte er in die Hände. »Da ist uns wohl ein großer Fisch ins Netz gegangen … So viele gefälschte Karten habe ich das letzte Mal auf dem Schulhof gesehen, als ich elf war. Gut gemacht, Leute.«
»Verrat …«, knurrte Luigi der Lappen erneut.
»Wie Recht du doch hast, Boss«, erwiderte Brutus kichernd. Blitzschnell schälte er sich aus seinem weißen T-Shirt. Darunter kam einen Polizeiuniform zum Vorschein.
»Was zum …?«, stieß Stultus entsetzt aus. Die Unglaube stand im ins Gesicht geschrieben, als er einige Schritte von seinem Bruder wegtaumelte.
»Die Hände dorthin, wo ich sie sehen kann!«, rief dieser, indem er seine Maschinenpistole umherschwenkte. »Ihr seid verhaftet, Abschaum, ihr alle!«
Plötzlich geschahen mehrere Dinge auf einmal. Ein Duliöhsüchtiger stürzte von einer Druckerpresse auf einen Polizisten. Stultus warf seine Waffe weg und ging mit den Fäusten auf seinen Bruder los. Luigi schnappte sich die fallen gelassene Maschinenpistole und feuerte mit lauten Flüchen in die Halle hinein. Mülltoni ergriff meine Hand und zog mich hinter einen Stapel halboriginaler Duliöhkarten. Ehe ich wusste, wie mir geschah, verlor ich den Boden unter den Füßen und stürzte in ein tiefes Loch. Finsternis umfing mich.