Archiv der Kategorie: Bestiarium

Bilder aus dem Bestiarium

Irrlichtklaue

Die Irrlichtklaue (unguis ignis fatui) findet man zumeist dort, wo es Nebel gibt, vor allem aber in Sümpfen. Wenn ihre Augen zu leuchten beginnen, hüllt sie ihre Klauen in fahles Feuer und zeichnet damit kunstvolle Muster in die Luft, um Beute anzulocken. Ihr Opfer hüllt sie mit ihren halbdurchsichtigen Schwingen ein, um ihm den Fluchtweg abzuschneiden und es dann mit ihrem mit Widerhaken besetzten Schweif aufzuspießen. Irrlichtklauen gelten als sehr durchtrieben, heimtückisch und schwer zu fassen. Sie bewegen sich trotz ihrer Größe fast lautlos und werden im dichten Nebel beinahe unsichtbar. Da sie in der Regel Einzelgänger sind und ein großes Revier für sich beanspruchen, kommt es nicht selten zu Kämpfen zwischen Artgenossen, die sie mit ihren in Feuer gehüllten Klauen austragen.

Mooskaninchen

Das Mooskaninchen (cuniculus muscosus) lebt am Waldboden und ernährt sich ausschließlich von Moosen. Dadurch, so meinen manche Gelehrte, wurde sein Körper über Jahrtausende selbst zur Pflanze. Raubtiere mögen den Geschmack seines Fleisches nicht und lassen es daher für gewöhnlich in Frieden, was die Annahme zu unterstützen scheint, dass ein Mooskaninchen bereits mehr Pflanze als Tier ist. Die kleinen Geschöpfe leben zumeist in kleinen Gruppen an kühlen, schattigen Orten, umgeben von ihrer Lieblingsnahrung. Nähert sich ihnen jemand, kauern sie sich zusammen und geben vor, Moos zu sein. Da ihr Fell nicht nur so aussieht, sondern sich auch anfühlt wie Moos, kann man es sogar berühren, ohne zu bemerken, worum es sich dabei handelt.

Leuchtschleiche

Die Leuchtschleiche (anguis lucida) lebt in finsteren Höhlen, in die kein Licht mehr vordringt. Sie ist blind, verfügt aber über ein Grubenorgan an der Spitze ihrer Schnauze, das es ihr ermöglicht Infrarotstrahlung wahrzunehmen. Zudem kann sie durch ihre dreigespaltene Zunge sogar die schwächsten geruchlichen Veränderungen in der Luft erfassen. Den größten Teil ihres Lebens verbringt sie reglos in stiller Dunkelheit. Nähert sich ihr jedoch Beute, beginnt ihre milchweiße Haut in einem orangeroten Licht zu leuchten, das diese zu ihr locken soll. Wird eine Leuchtschleiche in die Enge getrieben, kann sie die Spitze ihres Schweifes abwerfen, die dann noch mehrere Minuten lang in einem grellen Licht erstrahlt und ihr für gewöhnlich die Flucht vor dem abgelenkten Feind ermöglicht.

Schädelflamingo

Der Schädelflamingo (phoenicopterus calvae) verdankt seinen Namen seinem Oberkiefer, der die Gestalt des Totenschädels eines Tieres aufweist. Während manche Gelehrte zunächst davon ausgingen, es handle sich dabei tatsächlich um einen Totenschädel, den dieser Vogel wie eine Art Helm trägt, weiß man nun, dass dieser mit dem Kopf des Vogels verwachsen ist. Obwohl das Erscheinungsbild des Schädelflamingos mit seinem schwarzen Gefieder und den leuchtenden Augen ein wenig unheimlich anmuten mag, ist dieses Geschöpf friedlich und flieht bei Gefahr eher, als das es sich zum Kampf stellen würde. Man findet ihn oft auf überschwemmten Schlachtfeldern oder Friedhöfen, denn er ernährt sich überwiegend von kleinen Krebstierchen, Würmern und Pilzen, die nur auf toten Körper zu finden sind.

Klingenkopf

Der Klingenkopf (caput aciei) ist ein Raubtier, das für gewöhnlich in Rudeln wesentlich größere Geschöpfe jagt. Wenngleich dieses Geschöpf nicht besonders groß ist und ein wenig merkwürdig wirkt, ist es doch ein nicht zu unterschätzender Gegner. Mit seinem einzelnen Fuß bewegt es sich hüpfend fort, kann dabei jedoch beachtliche Geschwindigkeiten erreichen. Das Horn auf seinem Kopf besteht aus sehr dichtem Gewebe, das beinahe die Härte von Eisen erreicht. Der Klingenkopf wetzt dieses Horn an großen Steinen, sodass eine scharfe Klinge entsteht. Damit erlegt er seine Beute oder ficht Rangkämpfe mit seinen Artgenossen aus. Klingenköpfe sind äußerst angriffslustige Wesen, die selten den Rückzug antreten. Daher sind ihre Körper auch zumeist mit Narben übersät.

Schafschaumrolle

Die Schafschaumrolle (ovis rotae spumosae) ist ein seltsames Säugetier, das vorwiegend in grasbedeckten Hochlanden vorkommt. Ihre beinahe schaumartige weiße Wolle ist ziemlich klebrig und schmeckt sehr süß, weshalb sie von verschiedenen höheren Rassen bisweilen als Haustier gehalten wird. Im Laufe ihres Lebens härtet das Fell an der Körpermitte einer Schafschaumrolle zunehmend aus und bildet eine trockene Kruste, die Rücken, Bauch und Flanken mehr schlecht als recht vor Feinden schützt. Die äußeren Schichten dieser Kruste blättern bisweilen ab und gelten ebenso wie die süße Wolle als Delikatesse. Trotz ihres recht harmlosen Aussehens können Schafschaumrollen auch gefährlich werden, sind sie doch zumeist in Herden unterwegs. Bisweilen sieht man sie mit angezogenen Beinen seitwärts Hänge hinabrollen, wobei sie beträchtliche Geschwindigkeiten erreichen können.

Sanddämon

Der Sanddämon (daemon arenaceus) lebt unter dem Sand großer Wüsten. Für gewöhnlich erhebt er sich nur während mächtigen Sandstürmen von seinem Lager, um durch die Wüste zu wandeln und sich die Seelen ganzer Karawanen einzuverleiben. Die Habseligkeiten seiner Opfer bleiben zumeist liegen, sodass Sanddämonen bisweilen großen Reichtum anhäufen, der Abenteurer in ihre Fänge lockt. Zudem sind sie in der Lage Fata Morganas zu erschaffen, um ahnungslose Reisende in die Irre zu führen. Sanddämonen meiden Oasen, da Wasser ihre Kräfte schwächt. Anders als die meisten Wesen dämonischen Ursprunges sind sie zumeist tagsüber aktiv. In manchen Gegenden werden sie sogar als Götter verehrt, deren Gläubige ihnen Menschenopfer darbringen.