Archiv der Kategorie: Bestiarium

Bilder aus dem Bestiarium

Witzfigurdrache

Der Witzfigurdrache (draco ridiculus) stellt Gelehrte aus aller Welt seit jeher vor ein Rätsel. Seine dicken, rundlichen Füße verleihen ihm einen langsamen, unbeholfenen Gang. Seine mit federartigen Schuppen bedeckten Flügel sind viel zu klein und schwach um seinen massigen Körper in die Luft zu heben und scheinen auch keinem anderen Zweck zu dienen. Mit seinen kleinen Augen sieht der Witzfigurdrache kaum etwas, mit seiner langen, heraushängenden Zunge nimmt er jedoch Gerüche war, an denen er sich orientiert. Witzfigurdrachen ziehen für gewöhnlich einzeln oder  auch in kleinen Herden durch Savannen und Halbwüsten. Aufgrund ihrer beachtlichen Größe haben sie kaum natürliche Feinde, grundsätzlich sind sie jedoch harmlos.

Honigbär

Der Honigbär (ursus melleus) ist meist in blumenreichen Wiesen und Wäldern zu finden, wo er auf der Suche nach seiner Lieblingsspeise ist, die ihm auch seinen Namen gab. Eben diese Vorliebe für Honig ließ seinen Körper selbst zu Honig werden, heißt es. Wohin auch immer ein Honigbär geht, verbreitet er einen süßen Geruch, der ebenso anziehend auf Bienen wirkt, wie Bienen auf ihn. Durch seinen zähflüssigen Körper bewegt er sich nur sehr langsam fort und hinterlässt dabei deutlich sichtbare Spuren aus klebrigem Honig. Honigbären sind grundsätzlich ziemlich harmlos, können aber vor allem für Imker zum Ärgernis werden. Da sie jedoch Wasser nicht mögen und auch nicht schwimmen können, bieten Bäche und Flüsse einen guten Schutz vor ihnen.

Kürbiskrake

Der Kürbiskrake (Octopus cucurbitae) ist ein schelmisches Geschöpf, das zumeist auf Kürbisfeldern vorkommt. Durch seine Gestalt verschmilzt er dabei so sehr mit seiner Umwelt, dass er von einem gewöhnlichen Kürbis oft nicht mehr zu unterscheiden ist. Manche behaupten sogar, Kürbiskraken wären aus den Geistern Verstorbener entstanden, die von Kürbissen Besitz ergriffen hätten. Reglos lauern diese Wesen im Feld auf Beute, die sie dann blitzschnell mit ihren acht Tentakeln umschlingen. Da es sich dabei zumeist um Ernteschädlinge wie kleine Nagetiere und Vögel handelt, werden Kürbiskraken von Bauern sehr geschätzt und mitunter sogar als Haustiere gehalten. Obwohl sie größeren Lebewesen nichts zuleide tun, lieben sie es, diesen Streiche zu spielen, was sie mitunter zu sehr anstrengenden Zeitgenossen macht.

Kamelschnecke

Die Kamelschnecke (limax camelus) ist eine Riesenschnecke, die vor allem in Wüsten und trockenen Ödlanden zu finden ist. Ihr langes Fell schützt sie vor dem Licht der Sonne und dem Austrocknen. Die Höcker auf ihrem Rücken sind mit Wasser gefüllt, sodass sie lange Zeit überleben kann, ohne Flüssigkeit aufnehmen zu müssen. Kamelschnecken kriechen meist gemächlich zwischen bis zu einem halben Dutzend verschiedener Oasen hin und her, an denen sie ihre Wasservorräte wieder auffüllen und sich an den dort wachsenden Pflanzen gütlich tun. Ihre Schleimspuren bleiben selbst im rauen Wüstenklima lange sichtbar und eignen sich daher als sichere Wegweiser zur nächsten Oase.

Singstein

Der Singstein (lapis canens)  verfügt über keinerlei Gliedmaßen und kann sich nicht aus eigener Kraft fortbewegen. Liegt er irgendwo am Wegrand, könnte man ihn leicht übersehen, würde er nicht dazu neigen, laut auf sich aufmerksam zu machen. Meist geschieht dies in Form eines Liedes, mitunter auch mit einem mehrstimmigen Pfeifen, das er durch die Löcher an der Seite  seines Körpers ausstößt. Singsteine sind oft bis zu einem Dutzend verschiedener Sprachen mächtig, die sie nicht nur zur Unterhaltung untereinander nutzen, sondern auch dazu, um vorbeikommende Wanderer zu bitten, sie mitzunehmen. Ihr Ziel ist es stets, auf den Gipfel eines Berges getragen zu werden, von wo aus sie das Land überblicken können und man ihre Lieder bis in weite Ferne zu hören vermag.

Blutphönix

Der Blutphönix (phoenix sanguineus) ist ein Dämon in der Gestalt eines Vogels, der aus dem Blut im Krieg Gefallener entstanden ist. Unentwegt zieht er von  Schlachtfeld zu Schlachtfeld, um immer mehr Blut in sich aufzunehmen und zu gewaltiger Größe anzuwachsen. Mit dem Blut verschlingt er die Seelen der Gefallenen, um damit sein eigenes Leben zu verlängern. Dadurch, so sagt man, haben manche dieser Wesen buchstäblich Unsterblichkeit erlangt. Der Blutphönix ist durch und durch bösartig und hört nie auf, nach Macht und Leben zu gieren. Mitunter fallen ihm ganze Heerscharen sich bekriegender Feinde zum Opfer. Waffenlärm und der Geruch des Todes locken ihn an, friedliche Gegenden meidet er jedoch.

Kussmund

Der Kussmund (os osculi) ist ein Geschöpf aus einer fremden Welt. Es handelt sich bei ihm um ein harmloses, geselliges und gutmütiges Wesen, das jedem Kampf aus dem Weg geht und sich rein pflanzlich ernährt. Durch seine fünf Stielaugen, die in alle möglichen Richtungen blicken können, entgeht ihm kaum etwas, sodass er meistens rechtzeitig die Flucht ergreifen kann, wenn ihm Gefahr droht. Die Lippen eines Kussmundes sind besonders weich und empfindlich. Deshalb neigen diese Wesen dazu, ihre Umgebung mit Küssen zu überhäufen, um sie besser erfassen zu können. Treffen Artgenossen aufeinander, begrüßen sie einander mit Küssen auf die Lippen ihres Gegenübers, die mehrere Stunden dauern können.