Auf der anderen Seite des Schreibtisches

Episode VI: Auf der Suche nach der Kresse

Auf der anderen Seite des Schreibtisches öffnete sich ein Tor in eine andere Welt. Ich stieg hindurch und hier bin ich nun – gefangen in einer Stadt, in der der Irrsinn herrscht.

Gerade so war ich den Fängen der Polizei entkommen. Nicht, dass ich irgendetwas mit den Hütern des Gesetzes zu schaffen gehabt hätte, ich hatte mich nur wieder einmal mit den falschen Leuten eingelassen. Wie hätte ich auch ahnen können, dass mein Freund Mülltoni eine Verhältnis mit der Frau des Polizeichefs gehabt hatte? Mit dem falschen Schnurrbart, den er aus irgendeinem Grund immer noch trug, wirkte er gerade sogar für eine sprechende Mülltonne außergewöhnlich lächerlich.
Seinetwegen hatte ich meinen geliebten Regenmantel zurücklassen müssen. Kaum mehr als ein paar Fetzen waren davon nach diesem ereignisreichen Tag übriggeblieben. Und doch trauerte ich dem Mantel nach, der mich durch so viele Gefahren begleitet hatte.
Durch unsere gemeinsame Flucht war nun jedenfalls meine Schuld Mülltoni gegenüber getilgt. Er hatte mir im Kampf gegen die Duliöhsüchtigen beigestanden, ich war mit ihm vor der Polizei geflohen. Damit waren wir – was mich betraf – quitt. Leider sah Mülltoni das ein wenig anders. Seiner Meinung nach stand er nun in meiner Schuld.
So lief er mir dann also weiter hinterher, als ich mir einen Weg aus dem Gewirr der zugemüllten Gassen bahnte. Obwohl der Mittag noch nicht allzu weit zurückliegen konnte, hatte ich das Gefühl, bereits wochenlang unterwegs zu sein. Mehr und mehr wünschte ich mir, ich hätte mein Bett an diesem Morgen gar nicht verlassen, um für meinen Boss gefälschte Duliöhkarten zu verkaufen. Sollte Horses seine lächerlichen Aufträge doch selbst erledigen. Wenn er das nächste Mal versuchte, mich für irgendeine zwielichtige Sache einzuspannen, würde ich ihn abwimmeln, beschloss ich. Genug war genug.
Wie als hätte ich im Gedanken an ihn seine Aufmerksamkeit auf mich gezogen, klingelte mein Handy. Ich brauchte gar nicht auf das Display zu schauen, um zu wissen, dass er es war. Ich nahm den Anruf entgegen, hüllte mich jedoch in Schweigen.
»Randalf?«, fragte Horses mit seiner beinahe übertrieben tiefen Stimme. »Lebst du noch?«
»Nein, ich spreche aus dem Jenseits zu dir«, entgegnete ich bissig.
»Tatsächlich?«, fragte Horses erstaunt. »Dann haben die da unten wohl endlich ihr Netz ausgebaut. Als ich das letzte Mal unten war, hatte ich nirgendwo Empfang…« Es klang beinahe so, als würde er das ernst meinen. Es war schwer zu sagen, wann Horses einen Scherz machte. Nicht zuletzt, da ich ihm alles Mögliche und Unmögliche zutraute.
Ehe ich zu Wort kommen konnte, fuhr mein Boss fort: »Luigi der Lappen wartet jetzt schon seit Stunden auf seine Lügenkresse«, erklärte er. »Ich habe ihm gesagt, dass ich meinen besten Mann darauf ansetze. Langsam beginnt er daran zu zweifeln, ob du wirklich so gut bist… Aber wenn du einen Umweg über das Jenseits machen musstest, kann man da wohl nichts machen.«
»Ich bin so gut wie da«, erwiderte ich kurz angebunden. »Sag diesem Lappen, er soll schon mal das Wasser für seine Suppe aufsetzen.«
»Na, wenn das so ist«, sagte Horses. »Ich verlasse mich auf dich! Viel hängt vom Gelingen dieses Unternehmens ab. Ciao!«
Kopfschüttelnd steckte ich mein Handy weg. Horses ließ nie eine Gelegenheit aus, dramatisch zu klingen. Auch wenn es nur um die Suppe eines seiner Handlanger ging, klang es bei ihm immer so, als stünde das Schicksal der Welt auf dem Spiel. Nicht umsonst hielten ihn seine zahlreichen Fans wohl für einen begnadeten Schauspieler, der auch bei der diesjährigen Ansgar-Verleihung wieder zahlreiche Auszeichnungen mit nach Hause nehmen würde.
Unverzüglich machte ich mich also auf die Suche nach einem Supermarkt, um die besagte Lügenkresse zu kaufen. Zwischen zwei großen Müllcontainern hindurch trag ich aus einer schmalen Seitengasse auf eine etwas breitere, stark befahrene Straße hinaus. Als ich meinen Blick schweifen ließ, bemerkte ich sofort die Auslagen einiger Geschäfte, die sich in den unteren Stockwerken der Gebäude entlang der Straße breitgemacht hatten. Ein Elektronikgeschäft reihte sich an einen Hutmacher, ein Sensenschmied an eine Edelboutique. Tatsächlich schien es in dieser Straße alles zu geben, was das Herz begehrte. Einzig einen Supermarkt fand ich nicht.
Da der Hafen und die Lagerhalle, in der Luigi der Lappen auf mich wartete, zu meiner Linken langen, schlug ich diesen Weg ein. Mülltoni trottete mir munter vor sich hin pfeifend hinterher den Gehsteig entlang. Das grelle Licht der Sonne, das sich in den Fenstern einer Häuserfront spiegelte, stach mir in die Augen und erinnerte mich daran, dass ich nicht nur meinen Mantel, sondern auch meine Sonnenbrille verloren hatte. Ich hoffte, dass ich im Supermarkt einen Ersatz dafür finden würde. Im selben Augenblick bemerkte ich hundert Meter weiter die Straße entlang ein buntes Schild, das auf einen ebensolchen hinwies.
Vor dem Supermarkt hatte sich eine Menschenmenge gebildet, die lautstark und vielstimmig irgendetwas rief. Schon von weitem hatte ich das untrügliche Gefühl, dass ich mir einen schlechten Zeitpunkt zum Einkaufen ausgesucht hatte. Als ich mich der Ansammlung näherte, bemerkte ich, dass die Leute vor dem Supermarkt mit Heugabeln und Fackeln bewaffnet waren. Ich sah zahlreiche äußerst aufgebrachte Gesichter. Die Stimmung war kurz davor zu kippen.
Ohne große Hoffnung lehnte ich mich in einiger Entfernung von dem wütenden Mob gegen einen Laternenpfahl, um zu beobachten, was geschehen würde. Mülltoni schloss sich mir an. Vor dem Eingang des Supermarktes stand ein einzelner Verkäufer – ein dürrer junger Mann mit wenig Haar und einer übergroßen Brille, der sich unentwegt mit einem Taschentuch über die schweißnasse Stirn fuhr.
»Ich weiß, ihr seid aufgebracht«, sagte er mit zitternder Stimme, aber dennoch laut genug, dass alle Umstehenden ihn hören konnten. »Aber ich kann euch nur sagen, was ich euch gestern schon gesagt habe…«
»Lügen!«, schrie jemand aus der Menge. »Ihr wollt uns doch nur klein halten und verhindern, dass wir die Wahrheit erfahren! Nur deshalb behauptet ihr, dass es keine Lügenkresse mehr gibt!«
»Lügenkresse, Lügenkresse, Lügenkresse!«, riefen die umstehenden Leute im Chor.
»Es gab Lieferengpässe…«, versuchte der Verkäufer die Menge zu besänftigen, doch ging seine Stimme zwischen den Rufen unter.
Vorsichtig näherte ich mich den hinteren Reihen des Mobs. Dort hielt eine vom Alter gebeugte Frau ein Pappschild in die Höhe, auf dem in roter Farbe »LÜGENKRESSE!1!!!111EINSELF!« geschrieben stand.
»Verzeihung, aber könnten Sie mir wohl sagen, was hier los ist?«, fragte ich sie höflich.
»Seit Tagen behaupten die Verkäufer, es gäbe keine Lügenkresse mehr«, antwortete mir die Alte mit unstetem Blick. »Lieferengpässe, sagen sie, oder schlechte Ernte! Pah, als würde ihnen das irgendjemand glauben! Der Vetter dritten Grades der Mutter einer Freundin des Schwagers meines Urgroßonkels weiß aus sicherer Quelle, dass die Märkte im Untergrund riesige Lagerhallen voller Lügenkresse haben, die sie nur an die da oben verkaufen.«
»Aha«, sagte ich tonlos.
»Da steckt doch sicher wieder dieser Big Horse dahinter, wie bei der Karottenknappheit vor zehn Jahren«, mischte ein kränklich aussehender Saurier ein.
»Blödsinn! Big Horse ist der Einzige, der für uns kleine Leute einsteht«, behauptete eine dunkelhaarige Frau, die ebenfalls ein Schild hochhielt, dessen Aufschrift ich jedoch nicht entziffern konnte. »Das ist alles das Werk der Domus-Sekte. Sie wollen die Weltherrschaft an sich reißen…«
Weitere Meinungen wurden kundgetan, eine absonderlicher als die andere. Schließlich schaukelte sich die Lage dermaßen auf, dass bald die ersten Fäuste flogen. Innerhalb weniger Augenblicke hatte ich mit meiner scheinbar harmlosen Frage eine Schlägerei ausgelöst. Um nicht zwischen die Fronten zu geraten, zog ich mich schleunigst zu Mülltoni zurück, der bei der Laterne geblieben war und entspannt an seinem falschen Schnurrbart herumzupfte.
»Wie es aussieht, werden wir hier nicht fündig werden«, erklärte ich ihm.
»Was du nicht sagst, Alter«, erwiderte Mülltoni henkelzuckend. »Aber noch ist die letzte Karte nicht ausgespielt.« Wie um seine Metapher zu unterstreichen, drückte er mir zwei Duliöhkarten – Innerirdische Industrieimkerigelinselirre und Niedernüchterner Netznerznasennordnutzer – in die Hand, die er offenbar irgendwo gefunden hatte. »Lass uns einen anderen Supermarkt suchen.«

Innerhalb der nächsten zehn Minuten kamen wir an fünf verschiedenen Supermärkten vorbei, vor denen sich jedoch stets derselbe Anblick bot. Überall forderten aufgebrachte Volksaufläufe die Herausgabe der Lügenkresse, die »die da oben« angeblich vor dem einfachen Volk zurückhielten. Von zwei weiteren Supermärkten waren nicht mehr als rauchende Ruinen geblieben, die von allerlei zwielichtigen Gestalten geplündert wurden. Riese Lagerhallen im Untergrund, die mit Kresse gefüllt waren, gab es auch dort keine zu sehen.
Während der Hafen vor mir unaufhaltsam näher rückte, schwand meine Hoffnung mehr und mehr dahin. Die Suche nach der Kresse würde sich noch lange hinziehen, wenn sie denn überhaupt jemals von Erfolg gekrönt sein würde. Ich fragte mich, was Luigi der Lappen wohl sagen würde, wenn ich mit leeren Händen bei ihm in Lagerhaus BH-21 auftauchen würde.

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